Erklärung der “Mütter für Frieden” zu den Angriffen auf Nord und Ostsyrian

Europa, 8. Oktober 2019

Seit Beginn des Krieges in Syrien berichten westliche Medien über Kämpfe, Zerstörung und Massaker. Erst gestern hat die internationale Presse die Entscheidung von Präsident Trump zum Ausdruck gebracht, der Türkei grünes Licht für die Invasion Nordsyriens zu geben, das den Konflikt, der in sein neuntes Jahr eingetreten ist, verschärfen könnte. Die selbe Presse hat jedoch kaum die demokratische und soziale Revolution erwähnt, die seit 2012 im Norden dieses Landes stattfindet.

Vor einem Jahr, im Oktober 2018, besuchte eine Gruppe von sieben Frauen aus vier europäischen Ländern Nordsyrien – die unter dem kurdischen Namen Rojava bekannte Region – mit Unterstützung von Frauenorganisationen aus unseren Herkunftsländern. Unser Ziel war es, die sozialen Veränderungen in Rojava, die Fortschritte bei der Geschlechtergleichstellung unter der Leitung von Frauenorganisationen und die Situation der Vertriebenen aus Afrin aus erster Hand zu verfolgen. Nach unserer Rückkehr, wollen wir das Gelernte verbreiten und Solidaritätsnetzwerke mit der Bevölkerung in Nordsyrien aufbauen. Vielen konnten wir schon erreichen aber unsere Mission ist noch nicht zu Ende, denn wir verfolgen eine langfristige Perspektive.

Seit unserem Besuch in Rojava gab es bedeutende Ereignisse in der Region, und das zweifellos bedeutendste war die Niederlage des Islamischen Staates (IS). Zwölftausend junge Menschen – ganze Friedhöfe, wie in Verdun – haben ihr Leben gegeben, um die Welt von Terror und Unmenschlichkeit zu befreien. Nun steht dieses Volk das ihr Leben geopfert hat allein und ohne Unterstützung von außen vor der gewaltigen Aufgabe, das Lager Al Hol zu unterhalten, in dem mehr als 70.000 ISIS-Mitglieder und ihre Familien leben, viele von ihnen sind aus dem Ausland, deren Herkunftsländer sich weigern, Verantwortung für ihre Bürger zu übernehmen, die dem Kalifat beigetreten sind. Die Demokratische Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens scheut keine Mühen, um eine Lösung für diese humanitäre Krise zu finden, und startet gleichzeitig eine Kampagne für die Schaffung eines internationalen Tribunals, um die Verbrechen des IS zu verurteilen. Die Menschen in Nordsyrien wissen, dass es keinen Frieden ohne Gerechtigkeit geben kann.

Wenn dieses Jahr von etwas geprägt war, dann von der immer wiederkehrenden Bedrohung durch den türkischen Staat, in Rojava einzumarschieren. Präsident Trump hat nun dem türkischen Staat grünes Licht für die bevorstehende Vernichtungsoperation gegeben. Präsident Erdogan betont die Notwendigkeit einer Sicherheitszone südlich der syrisch-türkischen Grenze und beschuldigt die syrischen demokratischen Kräfte (SDF), die den IS besiegt haben eine Gefahr für die Sicherheit der Türkei zu sien. Der türkische Staat half den IS-Kämpfern nach Syrien zu gelangen und auch heute bewaffnet und unterstützt er jihadistische Gruppen, die Afrin besetzen und zum Td von mehr als 200.000 Menschen geführt haben. Es ist nicht der Terrorismus, der Erdogan beunruhigt, sondern dass der Erfolg der demokratischen Selbstverwaltung die Sehnsucht nach Freiheit auf das kurdisch-türkische Volk überträgt. Die türkische Regierung strebt einen demografischen Wandel a. Sie will die kurdische Bevölkerunu vertreiben und sie mit syrischen Flüchtlingen arabischer Herkunft bevölkern und somit die KurdInnen aus Nord- und Ostsyrien vertreiben. Dies ist ein Verbrechen gegen die Menschheit.

Ein neuer Verhandlungsprozess über die Lage in Syrien, in der die UN mit der Ausarbeitung einer neuen Verfassung für Syrien beauftragt ist, mag dagegen wie ein Schritt zum Ende des Konflikts erscheinen. Das Veto der Türkei gegen die Aufnahme der demokratischen Selbsterwaltung von Nord- und Ostsyrien schließt jedoch die Tür zu einer echten Friedenslösung. Der SDF kontrolliert 30 % des syrischen Territoriums und hat gezeigt, dass in den von ihm befreiten Gebieten eine neue Organisationsform geschaffen wird – demokratisch, integrativ, gleichberechtigt und verantwortungsvoll – und sich auf die Lösung der täglichen Probleme der Bevölkerung durch Selbstverwaltung konzentriert. Ohne die Beteiligung aller Teile Syriens werden die vom Verfassungsausschuss gefassten Beschlüsse unvollständig und damit wirkungslos sein.

Die Menschen in Nordsyrien wollen eine demokratische Nation, und dafür haben sie Institutionen geschaffen, die den gemeinsamen Nenner aller Kulturen und Religionen der Gesellschaft bilden. Dieser gesellschaftliche Wandel wird von Frauen angeführt, die sich eine Beteiligung in allen gesellschaftlichen Institutionen erkämpft haben und sich unerbittlich auf die Überwindung von Patriarchat einsetzen. Trotz der Schwierigkeiten, die sich aus dem Krieg, der Zerstörung der Infrastrukturen und der Natur oder der Feindseligkeit der Nachbarländer ergeben, arbeitet die Bevölkerung von Rojava am Aufbau einer ökologischen Gesellschaft, die es ihnen ermöglicht, ihr Land nachhaltig wieder aufzubauen, die Bildung zu fördern und ihre Kultur als tragende Säule für eine Zukunft des Zusammenlebens für ganz Syrien zu verteidigen.

Demokratie, Gleichberechtigung und Einklang mit der Natur sind die Ziele der Menschen in Nordsyrien. Nach sieben Jahren des Kampfes beginnen die Ergebnisse zu blühen und werden nicht aufgegeben. Wenn diese Menschen angegriffen werden, werden sie sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen. Wie die Rosen sind auch ihre Dornen ihre Selbstverteidigung, sie suchen keine Gewalt.

Als Frauen, Mütter und Zeuginnen der sozialen Errungenschaften der demokratischen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien und Verteidigerinnen des freien Lebens, wenden wir uns an feministische Organisationen und Frauenverbände sowie an alle Menschen, die immer noch glauben, dass eine gerechte und friedliche Gesellschaft möglich ist:

– Wir fordern Regierungen und politische Institutionen auf die Invasion der türkischen Regierung in Nordsyrien zurückweisen;

– Wir fordern die feindselige Haltung von Präsident Erdogan gegen das kurdische Volk zu verurteilen, ein Ende der Besetzung von Afrin und die Rückkehr der vertriebenen Bevölkerung;

– Wir fordern Unterstützung der demokratischen Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien bei der Bekämpfung des IS. Dazu braucht es internationaler Hilfe zur Unterstützung des Lagers Al Hol und Unterstützung der Einrichtung eines internationalen Tribunals zur Verurteilung von IS-Verbrechen;

– Wir fordern, die UN auf sich für die Aufnahme des Syrischen Demokratischen Rates in den Syrischen Verfassungsausschuss einzusetzen, um einen Konsens zu erzielen, der dem Blutvergießen in Syrien ein Ende setzt und eine demokratische und integrative Verfassung hervorbringt.

Nein zur Invasion der Türkei in Nordsyrien!

Jin, Jiyan Azadi! -Frau, Leben, Freiheit!

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