Leyla Ahmed, Ko-Vorsitzende des Kantons Kobane: “Wir haben ein alternatives Leben in wirklicher Demokratie entwickelt, geschaffen und gestaltet”.

Wir sprachen mit Leyla Ahmed, der Ko-Vorsitzenden des Kantons Kobane, über das System des demokratischen Konföderalismus, die Rolle der Frauen darin, die gegenwärtige Situation in Kobane und in Nord- und Ostsyrien sowie über Perspektiven für die Zukunft.

Mein Name is Leyla Ahmed. Ich bin die hevserok (1) des Kanton Kobanes und Kurdisch-Lehrerin. Ich wurde vor 7 Monaten in die Position des hevserok gewählt.

Leyla Ahmed in ihrem Büro im Kanton Kobane

Könntest du erklären wie das System der meclîs (2) und komîn (3) funktioniert?

Alles fängt mit der komîn an, sie ist die erste kleine Zelle der Gesellschaft und Grundlage der Organisierung. Das allgemeine Ziel des meclîs ist, die Gesellschaft auf eine gute Art weiterzuentwickeln und direkte, wirkliche Demokratie umzusetzen.

An der komîn können alle teilnehmen, haben ihre eigene Stimme und spielen ihre eigene Rolle, können ihre Meinung direkt mitteilen. Niemand kann sie ersetzen, die Menschen dort repräsentieren sich selber.

Es gibt komîns in allen Dörfern und Vierteln. Nach den komîn kommen die meclîs, es gibt meclîs von Stadtteilen und Städten.

Zwischen den meclîs und den komîns besteht direkter Kontakt. Meclîs fragen nach der Meinung der komîn, diskutieren diese und treffen daraufhin Entscheidungen. Meclîs helfen auch den komîns bei der Lösung von Problemen.

In den Städten gilt dasselbe für den Austausch zwischen dem meclîs einer Stadt und den komîns der Stadtteile.

Alles baut auf dem regionalen kommunalen System auf. Durch die komîns kann ein meclîs auf diese Weise alle erreichen, alle Haushalte und Familien, und weiß wirklich über die Gesellschaft Bescheid.

Das System des Demokratischen Konföderalismus besteht aus vielen meclîs auf der lokalen, regionalen und nationalen Ebene.

Was ist der Hauptunterschied zwischen dem staatlichem System und demokratischem Konföderalismus?

Wenn wir uns einen Staat anschauen, gibt es nur einen überregionalen meclîs (das Parlament), wie zum Beispiel das Türkische oder Syrische Parlament. Es gibt nur eine Nation, und nur eine Ideologie welche alle Menschen regiert.

Aber hier gibt es viele konföderierte (verbündete) meclîs, und jede_r hat einen Platz dort. Unterschiedliche Kulturen sind vertreten, kurdisch, arabisch, assyrisch, sherkez. Alle können teilnehmen und ihre Meinungen direkt einbringen.

Jede Community hat ihre eigenen Besonderheiten, Sprache und verschiedene Ansichten und wir arbeiten zusammen um Probleme gemeinsam zu lösen.

Wir nennen das biratiya gel (4), das ist ein grundlegendes Prinzip unseres Systems.

Das hevserok -System gilt in ganz Nord- und Ostsyrien. Es gewährleistet eine Stimme für Frauen und ihre Präsenz in der politischen und sozialen Sphäre. Frauen sind wirklich vertreten, ihr Wille, ihre Denk- und Handlungsweisen werden miteinbezogen und müssen respektiert werden.

Das ist ein großer Schritt und eine Weiterentwicklung unserer Gesellschaft, es ist ein Schritt in Richtung einer politischen und ethischen Gesellschaft.

Frauen in den Meclîs

Wie ist die Rolle von Frauen in den meclîs?

Durch das hevserok-System und die Präsenz von Frauen haben wir besseren Zugang zu Frauen und ihren Problemen. Zur Zeit gibt es noch viel zu tun, wegen des Einflusses des alten staatlichen Systems, religiöser Mentalität und feudalen Stammesbeziehungen auf die Gesellschaft.

Zum Beispiel wurde ein Frauengesetz aufgesetzt und ist in Kraft getreten, aber es braucht Zeit bis die Gesellschaft es versteht und akzeptiert. In Kobane ist die Stammeskultur sehr stark ausgeprägt. Das hat auch wirklich gute Seiten, Leute fühlen sich verbunden und halten zusammen, aber wenn es zur Frauenbezogenen Themen kommt gibt es noch viel patriarchales Erbe und Druck auf Frauen.

Wir arbeiten wieder durch die komîn und mit speziellen Komitees, mit Treffen und persönlichen Kontakten. Wir machen verständlich, wie wichtig Frauenrechte sind, wie zum Beispiel das Verbot der Ehe mit Minderjährigen, oder das Gesetz gegen Polygamie.

Was sind Schwierigkeiten in eurer Arbeit?

Die meiste Zeit sind die Menschen auf unserer Seite, dennoch, wie ich bereits sagte, gibt es Schwierigkeiten in der älteren Community. Sie halten an alten Werten fest, und es braucht Zeit und Aufwand um diese Mentalität zu verändern und neue Konzepte zu akzeptieren.

Wie löst ihr diese Art von Problemen?

Diese Probleme lösen sich im direkten Kontakt mit den Menschen, durch Gespräche und Diskussionen, durch Treffen und vor allem durch Bildung. In unserer Erfahrung kommen Leute oft nach einiger Zeit wieder auf uns zu und denken über Meinungsverschiedenheiten oder Widersprüche nach.

Gibt es Klassenunterschiede zwischen den Menschen hier?

Hier in der Euphrat-Region existieren keine großen sozialen Unterschiede, würde ich sagen. Es gibt keine Oberklasse im eigentlichen Sinn. Die Menschen stehen sich generell nah und sind nicht durch Klasse gespalten. Es gibt Unterschiede, aber keine die die Menschen in Klassen unterteilt. Im Allgemeinen hat unsere Kultur viel Gemeinschaftliches und Familiäres, eine Klassenunterteilung hat sich hier nicht wirklich entwickelt.

Wie geht es den Einwohner_innen von Kobane zur Zeit? Wie ist die aktuelle Situation?

Die Menschen in Kobane sind generell sehr enthusiastisch und haben einen großen Widerstanswillen. Aber sie haben viel zu schultern und daher auch viele Sorgen, was ihnen ihr Leben stark erschwert, nach allem was sie bereits durchmachen mussten.

Um einige zu nennen: Zuallererst ist da die konstante Bedrohung durch den Türkischen Staat, eine direkte Bedrohung ihres Lebens und die Gefahr, wieder alles zu verlieren.

Natürlich gibt es auch das Problem des Corona-Virus, welcher einen neuen Feind darstellt, den sie nicht einmal sehen können.

Und hinzu kommt noch die wirtschaftliche Situation, die durch die Preissteigerung des Dollar entstanden ist.

Wie ist die Situation in der Euphrat-Region seit des letzten Angriffs des Türkischen Staates?

Offiziell sollten die Angriffe aufgehört haben, aber in Wahrheit haben sie das nie. Der Türkische Staat greift uns weiterhin auf alle die unterschiedlichen, hinterhältigen Weisen an. In letzter Zeit gab es viele Fälle von Bombenangriffen. Sie schmeißen Bomben zur Erntezeit auf unsere Felder und Dörfer, um unsere Wirtschaft anzugreifen und um die Bewohner_innen in konstante Angst zu versetzen. Tausende an Hektar werden jeden Tag in Flammen gesetzt. Menschen werden immer noch gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Allein in den letzten Tagen haben sie uns angegriffen, drei Dörfer niedergebrannt und tausende Hektar an Bäumen verbrannt. Auch Zivilist_innen wurden verletzt und sind gestorben. Man sieht also, dass auf Zivilist_innen gezielt wird und dass die Brutalität des Türkischen Staates Tag für Tag andauert.

Hier und in allen besetzten Gebieten, Afrin, Gire Spî und Sêrêkaniye, leben Menschen unter diesem Terror. Frauen sind besonders betroffen, werden gekidnappt und getötet.

Wir habe tausende Flüchtlinge, deren humanitäre Situation und Lebensbedingungen echt schwierig sind.

Die Bevölkerung ist mit Bränden konfrontiert, die vom türkischen Staat und seinen Söldnern gelegt wurden

In den letzten Jahren hat der türkische Staat klar gezeigt, dass er eine Gefahr für die Welt ist. Er bringt alle möglichen terroristischen Organisationen zusammen, unterstützt sie mit Waffen und lässt ihnen in den besetzten Gebieten in Syrien freie Hand, die schrecklichsten Gräueltaten zu verrichten. Frauen werden entführt, in Gefangenschaft gebracht, nackt ausgezogen und in ihren Gefängnissen geschlagen… es gibt unzählige Beispiele.

Wie sind die meclîs mit Corona umgegangen?

Wenn man unsere materiellen Bedingungen und das Gesundheitssystem anschaut, sind diese durch Krieg, andauernde Angriffe und das Embargo sehr gering ausgeprägt. Dadurch ist die Gefahr hoch, sollte sich der Virus ausbreiten.

Wir konnten sehen, wie viele Staaten die Wahrheit verborgen hielten, oder die Situation zu ihren Gunsten ausnutzten, sogar Vorsichtsmaßnahmen erst spät umsetzten.

Die Autonome Administration ist das System der Menschen, die sie verwaltet, deshalb reagieren wir den Bedürfnissen der Menschen entsprechend und haben alle Vorsichtsmaßnahmen, die wir umsetzen konnten, so schnell wie möglich umgesetzt: Die Grenze wurde geschlossen, die Bewegungsfreiheit zwischen den Regionen eingeschränkt, spezielle Örtlichkeiten wurden nur für den Fall vorbereitet, und öffentliche Räume wurden generell desinfiziert.

Somit haben wir es bisher geschafft, die Menschen vor der Ausbreitung des Virus zu schützen. Dabei waren die Menschen hier sehr hilfreich.

Welche Auswirkungen hatte das auf die Menschen in Nord- und Ostsyrien?

Die Arbeit wurde allgemein eingestellt, somit gab es viele bedürftige Menschen ohne Arbeit. Generell wurde die wirtschaftliche Situation von Menschen beeinflusst, arme Familien wurden stärker gefährdet, so dass es unsere Pflicht wurde, sie zu unterstützen. Wir konnten vermutlich nicht alle erreichen, aber durch die komîns und spezielle Komitees für soziale Fragen konnten wir die Bedürftigen materiell unterstützen. Den am schlimmsten Betroffenen konnten wir auch die Gehälter weiterhin zahlen.

Du hast auch das Problem der Preissteigerung des Dollar erwähnt.

Wie ihr wisst, sind wir geographisch ein Teil Syriens und benutzen auch die Syrische Währung. Der Syrische Staat ist jetzt in einer Wirtschaftskrise, ausgelöst durch die Politik der USA. Es ist eine schwierige Situation und hat mit Sicherheit direkte Auswirkungen auf die Bevölkerung und die Wirtschaft hier. Der Syrische Staat tut Nichts für die Menschen. Preise sind enorm gestiegen. Die Autonome Administration hat Schritte in die Wege geleitet, um die Bevölkerung vor dieser Krise zu schützen. Zum Beispiel wurden die Preise von Grundnahrungsmitteln wie Brot und Zucker reguliert, und die Gehälter erhöht. Diese Reaktionen auf die Krise bewegen sich auf dem Level des jeweils Möglichen. Dennoch konnte nicht verhindert werden, dass die Krise die Bevölkerung von Rojava trifft.

Bild der Meclîs des Kantons Kobane

Welche Wünsche hast du für die Zukunft?

Wir wollen in unserem Land bleiben und ein friedliches Zusammenleben mit unseren Arabischen, Syrischen, Armenischen usw. Brüdern und Schwestern gestalten. Wir haben ein alternatives Leben in einer wirklichen Demokratie erdacht, erschaffen und geformt, ein Leben nach den Prinzipien des biratiya gel. Der Türkische Staat und die Hegemonialkräfte wollen das nicht gedeihen lassen, wollen uns daran hindern, das zu realisieren.

Wir rufen die Weltgemeinschaft und internationale Organisationen dazu auf, uns zu unterstützen und uns zu helfen dieses demokratische Projekt und seine Bevölkerung zu schützen. Wir haben tausende von Gefallenen, und die Welt sollte das zur Kenntnis nehmen. Wir fordern, dass die Welt uns mit diesen Angriffen nicht alleine lässt.


(1) hevserok – Co-Vorsitzende_r: Das politische System baut durch die Bank auf einem System des Co-Vorsitzes auf, in welchem Führungspositionen in fast allen Institutionen (die Frauenstrukturen ausgenommen) von einem Mann und einer Frau besetzt werden.

(2) Meclîs – Rat/Versammlung: Räte sind repräsentative Organe, in welchen soziale Fragen diskutiert und entschieden werden. Sie formulieren die nötigen politischen Linien im Sinne des Willens der Bevölkerung.

(3) Komîn – Kommune: Kommunen sind die grundlegenden Einheiten des politischen Systems in Nord- und Ostsyrien. Sie sind im Artikel 48 des Gesellschaftvertrags begründet, welcher das kommunale System als „die essentielle, organisatorische Grundform direkter Demokratie“ beschreibt.

(4) Biratiya Gel – Bruderschaft der Völker: Eine Grundidee des ‚Neuen Paradigmas‘, welches von Abdullah Öcalan entwickelt wurde, ist, dass Kurd_innen nicht auf einen eigenen Staat hinarbeiten sollten, sondern stattdessen für ein politisches System kämpfen sollten, welches die kulturellen und politischen Rechte Aller gewährt. Dieser Ansatz zielt darauf ab, die Gefahr, durch das System des Nationalstaats erneut die Unterdrückung eines Volks durch ein zu reproduzieren, abzuwenden.

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