Als Internationalistin kam sie nach Rojava, um Teil der Frauenrevolution und dem Kampf für Frauenbefreiung und ein freies Leben zu sein. Hier teilt sie mit uns ihre Erfahrungen, Eindrücke und Gefühle während ihres Aufenthalts in Kobane, der Stadt des Frauenwiderstands gegen den IS, und im Zusammenhang mit der Ermordung, dem Femizid der Aktivistinnen der Frauenbewegung Kongra Star – Zehra, Hebun und Emine, die im Juni dieses Jahres von einer türkischen Drohne getötet wurden:
Ich bin in Kobane, und es ist kaum vier Monate her, dass hier drei Zivilistinnen bei einem Angriff durch eine Drohne des türkischen Staates getötet wurden. Eine Maschine, ein Roboter, der von einem Menschen gesteuert wird? Jemand, der vor dem Bildschirm eines Computers sitzt und per Knopfdruck tötet.
Drei Frauen saßen nachmittags im Garten und unterhielten sich, unter ihnen eine Mutter, die die anderen in ihrem Haus beherbergte. Sie wurden von einem NATO-Staat unter Einsatz modernster Technologie und ohne großes Interesse oder Aufmerksamkeit von der Außenwelt ins Visier genommen und ermordet. Unsere geliebte Zehra, Hebun und Emine waren nur ein weiteres Ereignis auf der Liste von vielen, nichts Bemerkenswertes daran, nur drei Leben weniger und alles bleibt unverändert…
Zwei Jahre sind vergangen, seit ich als Internationalist nach Rojava kam. Wie viele andere Freund*innen kam ich mit der Idee hierher, an der Revolution teilzunehmen und vor allem mit der Frauenbewegung zusammenzuarbeiten, Verbindungen und Brücken zu bauen.
Es ist eine historische Gelegenheit, hier zu sein und am Aufbauprozess eines neuen Landes teilzunehmen, in dem ein alternatives System umgesetzt wird, das sich bereits vom repressiven nationalstaatlichen Organisationsmodell unterscheidet. Es ist ein demokratisch-konföderales System, das von einer gesellschaftlichen Selbstverwaltung koordiniert wird. Einer der Grundpfeiler ist die Befreiung der Frau. Dieses System ist ein mächtiges Instrument für jede Gesellschaft, das die Stimmen der Menschen repräsentiert und den multikulturellen Charakter der Gesellschaft mit einbezieht als auch darauf achtet. Es kann für viele zu einer wirklichen Alternative werden und hoffentlich auch zu einem Vorbild in verschiedenen Teilen der Welt. Einem Vorbild, das soziale Veränderungen anführt und dazu beiträgt, diese zu vertiefen.
Viele internationalistische Freund*innen, die hierher kommen, sind sich bewusst, wie die westliche Gesellschaft auf die eine oder andere Weise mit großen wirtschaftlichen und sozialen Krisen konfrontiert ist und wie sie unter dem Kapital zum Schweigen gebracht und ihr die Seele gestohlen wurde. Soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit werden immer offensichtlicher und unhaltbarer. Die Gesellschaft entfernt sich immer mehr von unseren eigenen Werten und unserer Ethik und wird stattdessen von übertriebenem Materialismus und Individualismus überwältigt. So kommen viele von uns hierher, um nach Inspiration und greifbaren Beweisen dafür zu suchen, dass sich die Dinge zum Besseren verändern können und dies tatsächlich möglich ist.
In der Zeit, die ich hier verbracht habe, habe ich bereits viele Dinge miterlebt. Ich habe die eigentliche Bedeutung des Widerstands kennen gelernt.
Einerseits habe ich so viel Freude empfunden und war von Hoffnung und Kraft erfüllt. Ich habe gesehen, wieviel bereits bewältigt und aufgebaut wurde, wieviel Opfer und Anstrengungen unternommen wurden, um diesen Punkt zu erreichen, und ich habe auch große Fortschritte in der Gesellschaft und viele erstaunliche Dinge und inspirierende Entwicklungen gesehen, die immer noch in ständigem Fortschritt sind und natürlich nicht ohne Schwierigkeiten und Widersprüche.
Andererseits habe ich verstanden, was die Realität bedeutet, unter ständigen Angriffen, Besatzungen und der Bedrohung durch Völkermord zu leben. Wie ist es möglich, etwas zu schaffen oder auch nur zu leben, während man ständig mit einer Drohung der Vernichtung konfrontiert ist? Ich bin mir der Tragweite der globalen Heuchelei bewusst, und jeden Tag stelle ich mich der Wahrheit, dass sich der Wert des Lebens sehr schnell ändert, je nachdem, auf welcher Seite der kolonisierten Welt man lebt.
Frauen, Kinder, Alte, Junge… alle sind von diesem zum Schweigen gebrachten Völkermord betroffen. Eine Gesellschaft, die in ihrem Land lebt, dieselben Menschen, die jeden Tag versuchen, einen Ort, eine Heimat, ein Land, eine Alternative aufzubauen, wo das Wort Demokratie seine wahre Bedeutung erfüllen kann, wo verschiedene Kulturen und Ethnien in Frieden zusammenleben können.
Ich habe mich immer und immer wieder gefragt, wahrscheinlich mit dem naiven Teil meines Herzens, der immer noch an Menschlichkeit und Gerechtigkeit glauben will: Wie können wir als Menschen, die angeblich weltweite demokratische Werte haben, wie können wir diese Art von Realitäten immer und immer wieder akzeptieren? Wie können wir einfach unsere Augen schließen und von dort abwenden, wo es unbequem ist, hinzuschauen?
Wie sind wir so apathisch geworden? Wir jagen der Geschichte unserer individuellen Freiheit hinterher, zufrieden mit einigen kleinen Privilegien, die uns in unserer Einsamkeit bestenfalls ein bisschen mehr Glück bringen als unsere Nachbarn.
Unsere Gesellschaften sind so politisch geworden, aber ohne jegliche Fähigkeit, Entscheidungen über unser eigenes Leben und Organisation zu treffen. Die sogenannte politische Sphäre ist für die Menschen unerreichbar und von einer mächtigen Oligarchie überholt worden, die diesmal verkleideter und verborgener ist als in den alten Kaiserzeiten.
Der sogenannte „Krieg gegen den Terror“ wurde zu einer weltweiten Strategie zur Beseitigung jeglicher Opposition gegen das neoliberale System. Er wurde zu einem Vorwand, um in ölreiche Gebiete einzudringen und Gräueltaten in verschiedenen Gemeinschaften zu verüben.
Terrorismus scheint definiert zu sein als:
-die Anwendung von Gewalt und Drohungen zur Einschüchterung oder Nötigung, insbesondere zu politischen Zwecken.
-der durch Terrorismus oder Terrorisierung erzeugte Zustand der Angst und Unterwerfung.
-die unrechtmäßige Anwendung von Gewalt und Einschüchterung, insbesondere gegen zivile Personen, bei der Verfolgung politischer Ziele.
-eine terroristische Methode des Regierens oder des Widerstands gegen eine Regierung.
Wie viele Beweise brauchen wir noch, um den Terrorismus des türkischen Staates auszurufen? Um ihn und seine dschihadistischen Bevollmächtigten strafrechtlich zu verfolgen?
Leider geht es nicht nur um sie. Das internationale Schweigen duldet ihre terroristischen Praktiken und ihre Politik.
Wir müssen uns fragen: Was war so gefährlich an diesen drei Frauen in Kobane, dass sie zur Zielscheibe wurden?
In den letzten 100 Jahren waren die Kurden als Nation und Ethnie mit der Vernichtung ihrer Existenz konfrontiert. Sie wurden auf vier Nationalstaaten aufgeteilt und der Assimilationspolitik sowie dem Völkermord unterworfen.
Die stets ungelöste „Kurdenfrage“ wurde für Welthegemonialmächte wie das britische und das französische Empire zu einem Instrument, um den Mittleren Osten destabilisiert zu halten, was es ihnen ermöglichte, das noch immer schlagende Herz zu ihrem eigenen Vorteil herauszureißen.
Doch anstatt die Unterdrückung zu akzeptieren, hat die kurdische Bevölkerung 40 Jahre lang einen revolutionären Kampf der Menschen entwickelt. Der inhaftierte Vorsitzende der kurdischen Bevölkerung, Abdullah Öcalan, hat einen radikalen Vorschlag eingebracht, der die alten feudalen und patriarchalen Regeln, den Kapitalismus und die nationalstaatliche Lösung des Sozialismus des 20. Jahrhunderts herausfordert. Dieser Vorschlag in Form eines Systems, das Frauen an die Spitze der politischen Szene stellt, hat die Menschen in Nord- und Ostsyrien dazu inspiriert, über Ethnien und Kulturen hinweg zusammenzuarbeiten, und diesen Traum neun Jahre lang Wirklichkeit werden zu lassen.
Dies sind radikale und revolutionäre Veränderungen zugunsten von Demokratie und Gleichheit. Sie sind eine konkrete Realität, die man sehen, anfassen und schmecken kann. Deshalb sind sie vielen Frauen auf der ganzen Welt eine Inspiration und ein Beispiel.
Die Stärke und Entschlossenheit der Frauen für die Befreiung wurde zu einem Symbol für all diese Entwicklungen. Die Befreiung der Frauen stellt in ihrem Wesen jahrtausendealte Strukturen in Frage, in denen Frauen systematisch unterdrückt und die Gewalt gegen sie normalisiert worden ist.
Feminizid
Um Feminizid zu verstehen, müssen wir ihn als eine politische und historische Strategie analysieren, die dazu dient, die Herrschaft über Frauen und damit über die gesamte Gesellschaft aufrechtzuerhalten.
Im Mittleren Osten wurde das islamische Recht (Scharia), das aus dem Koran abgeleitet ist, obwohl es oft weit entfernt ist von den eigentlichen Schriften des Korans, von mächtigen religiösen und politischen Kräften zu ihrem eigenen Nutzen modifiziert und neu interpretiert. Frauen wurden sehr unterdrückerischen sozialen und physischen Einschränkungen unterworfen, damit die Hegemonialmächte die Kontrolle über sie behalten konnten. Diese Gesetze und Regeln durchdrangen die muslimische Gesellschaft und Traditionen und wurden zu allgemeinen gesellschaftlichen Normen, die den sozialen Status der Frauen in der islamischen Kultur prägten.
Extremistische islamische Gruppen wie der IS oder Al-Nusra haben diese Unterdrückung und Herrschaft über die Frau auf die Spitze getrieben. Frauen werden als Eigentum behandelt, durch Kontrolle und Gewalt versklavt und aus dem sozialen und politischen Leben entfernt.
Die kurdische Frauenbewegung und die Revolution in Rojava haben zu dieser Realität sehr radikale und revolutionäre Veränderungen gebracht. Unter der neuen Autonomie und Selbstverwaltung sind die Frauenbefreiung sowie die Gleichstellung der Geschlechter Kern der gesellschaftlichen Transformation.
Frauen haben jetzt in allen Institutionen fünfzig Prozent der Führungspositionen inne und verfügen über eine eigene autonome Organisatierung, sowie über viele Werkzeuge und Organisation, die notwendig sind, um Chancengleichheit und den Schutz ihrer Rechte zu gewährleisten.
Dieser Prozess stellt Tausende von Jahren patriarchaler Werte in Frage, sodass es viel Entschlossenheit, Arbeit an der Basis, Bildung und ständigen Kampf braucht, um wirklich tiefgreifende Veränderungen in der Gesellschaft herbeizuführen.
Kongra Star ist als Frauenbewegung eine Dachorganisation für Gruppen, die Verantwortung für diesen Prozess übernehmen, Frauen aus der Gesellschaft organisieren und ausbilden, Möglichkeiten für sie schaffen und ihre Rechte sichern. Sie ist auch ein Symbol für diese Revolution.
Frauen wie Zehra, Hebun und Emine sind ebenfalls zu Symbolen geworden. Als Frauen aus Kobane und Mitglieder von Kongra Star machten sie nicht nur entscheidende Schritte in Richtung ihrer eigenen Befreiung, sondern sie beschlossen, für alle Frauen zu kämpfen, als Stimme zu dienen und den Weg für eine egalitärere und demokratischere Gesellschaft zu öffnen. Ihre Stärke und Entschlossenheit sind unverzichtbare Eigenschaften von Frauen im Kampf. Sie machen sie zu unserer Vorhut, zu einem Vorbild für alle Frauen.
Diese Frauen waren keine Bedrohung für die Menschheit, wie türkisch Propaganda behauptete. Vielmehr waren sie eine Bedrohung für die alten Regeln und Werte, die den Frauen und der gesamten Gesellschaft auferlegt wurden, Werte, die die diktatorische und faschistische, völkermörderische und frauenmörderische Politik von Tayip Erdogan und des türkischen Staates repräsentieren. Genau die gleiche Politik und Praxis wird von den dschihadistischen und extremistischen Gruppen angewandt, die jetzt ungestraft die vom türkischen Staat besetzten Gebiete Syriens plündern.
Efrîn, Serêkaniyê und Gire Spî waren blühende Orte, die unter der Kontrolle der Verbündeten Erdogans zur Hölle auf Erden geworden sind. Ein normales Leben ist dort nicht mehr möglich. Hunderttausende Menschen wurden gezwungen, ihr Land zu verlassen, und diejenigen, die dort geblieben sind, leben unter ständiger extremer Gewalt…
Frauen werden entführt, inhaftiert, vergewaltigt und wieder von jeglichen sozialen Aktivitäten ausgeschlossen. Die Gesellschaft lebt unter Bedrohung und ständiger Angst,…
Die Botschaft ist klar: In den besetzten Gebieten sollen Frauen wieder in die Sklaverei zurückgebracht werden. In den befreiten Gebieten werden Frauen, die aufstehen und für ihre Gesellschaft kämpfen, vom Himmel geschlagen. Das ist eine klare Drohung für alle, die es wagen, sich zu organisieren und für ihre eigene Befreiung als Frauen, als unterdrückte Gesellschaft zu kämpfen.
Sieht dies wie ein Kampf gegen den Terrorismus aus? Oder ist es in Wirklichkeit nicht umgekehrt?
Die Frauen auf der ganzen Welt können im Gegensatz zu den internationalen Mächten nicht schweigen.
Es liegt in unserer Hand. Lasst uns erheben und zu Zehra, Emine und Hebun werden. Lasst uns ihrem Weg folgen und unsere Stimme erheben.
Lasst uns ihnen und uns selbst unser Versprechen geben, dass wir nicht kapitulieren, sondern weiter kämpfen und die Rojava-Revolution verteidigen werden. Es ist eine Frauenrevolution. Es ist auch unsere Revolution.
Lasst uns unsere Stimmen erheben und uns organisieren!
Stoppt Erdogan! Stoppt Feminizid!
Nein zu Besatzung! Nein zu Genozid! Wir werden Frauen und Leben verteidigen!

