Es ist Sommer, Erntezeit. Hier im Naturheilkunde-Zentrum „Navenda Jiyan“ werden nun jeden Tag Samen gesammelt, die Pflanzen gegossen, die Bienen gefüttert, Kartoffeln geerntet und fleißig Blüten und Blätter gepflückt. Im Trockenraum sammeln sich die Ergebnisse der mühevollen Arbeit, die langsam trocknen, um so später für Medizin verwendet zu werden. Anderes wird direkt zu Öl verarbeitet oder wird destilliert, um die wertvollen Inhaltsstoffe zu extrahieren. Alles was übrig bleibt, das wird später für Kompost verwertet, um die Pflanzen draußen so zu stärken, denn hier ist nichts einfach nur Abfall, hier wird alles verwendet. Hier arbeiten überwiegend Frauen, was auf ihre natürliche Verbindung zur Natur zurückzuführen ist. Eine der hier arbeitenden Frauen erzählt: „Frauen sind stark verbunden mit der Natur und Gesellschaft, sie sind es die das Leben aufbauen, es organisieren und auch verteidigen. Als Frauen sind wir es, die die Pflanzen als Teil von uns spüren und dementsprechend arbeiten und leben“.

Das Zentrum eröffnete 2022 in Qamişlo, inspiriert durch die Ideen von Abdullah Öcalan und als Teil der Autonomen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyrien und der kurdischen Frauenbewegung. Die Forschungen zur Naturheilkunde begannen bereits Jahre zuvor und dabei wurde vieles an Erfahrung und Wissen zusammengetragen, erprobt und angewandt. Oft gibt es Wissen über die Heilwirkungen der Pflanzen, das in der Gesellschaft verborgen liegt. Immer wieder kommen Patient:innen, die neues Wissen teilen oder überrascht sind, was alles nicht nur als Küchenkraut verwendet wird. Auch Internationalist:innen, die zu Besuch kommen, sind immer wieder erstaunt, was alles mehr ist als nur Unkraut in den heimischen Gärten. So stecken zum Beispiel im Löwenzahn und Chicoree wertvolle Inhaltsstoffe, doch dieses Wissen ist an vielen Orten der Welt verloren gegangen.

Draußen befindet sich das Herzstück des Zentrums. Hier dreht sich die Arbeit um die Pflanzen und den Garten, der mit viel Mühe liebevoll gepflegt wird. Die Menschen stehen im Dienste der Pflanzen, das bedeutet es wird eine neue Beziehung zur Natur aufgebaut. So viel Mühe und Liebe in die Pflanzen gesteckt wird, so sehr können die Pflanzen auch für Medizin verwendet werden. Das Ziel hier ist jedoch nicht, etwas zu produzieren, sondern praktisch ein neues Leben aufzubauen. Die Liebe zu den Pflanzen basiert nicht auf einer künstlichen Basis, sondern auf der Liebe zum Leben und zur Natur. Dabei werden die Gedanken von Abdullah Öcalan praktisch im Leben umgesetzt und ein neues ökologisches Leben zu führen im Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur. Auch Jasmin, eine Internationalistin, erzählt: „Die Praxis der Frauenrevolution hier zu erleben ist etwas sehr schönes und bedeutungsvolles. Die natürliche Beziehung zwischen Frauen und der Natur wird hier sichtbar durch die natürliche Liebe zum Leben. Und gleichzeitig gibt es nichts schöneres als die Hände in die Erde zu stecken, die Pflanzen zu fühlen und die Samen der Revolution zu pflegen“.
Während draußen also Samen wachsen, blühen und trocknen, wird drinnen Medizin hergestellt. Die Räume sind gefüllt mit den Ergebnissen der Arbeit. Es werden Kapseln produziert, Öl abgefüllt und Cremen und Salben hergestellt. Fast alles hier wird selbst gemacht aus dem eigenen Garten, während neben der Medizinherstellung auch kranke Menschen das Zentrum besuchen. Diese werden im Nebenzimmer behandelt.

Die Medizin, die hier hergestellt wird, wird vorallem für innere Beschwerden verwendet, eigentlich für alles bis auf Herz und Augen. Anders als in Europa wird mehr als nur die schmerzende Stelle behandelt, denn der Körper funktioniert ganzheitlich, so wie auch die Medizin, die gegeben wird. Mit einem ganzheitlichen Blick auf den Körper wird geholfen, sich selbst zu stärken und sich gegen Krankheiten zu wehren. Der Körper kann sich selbst am besten helfen, und die Medikamente unterstützen ihn dabei. Da alles selbst aus der Natur kommt kann der Körper die Medizin gut annehmen und sieht es nicht als etwas Fremdes an. Doch hier wird nicht nur Medizin verabreicht, sondern es geht auch darum, dem Menschen zu helfen den eigenen Körper zu verstehen. Neben den Medikamenten werden auch Krankheiten und die Wirkung von Heilpflanzen besprochen, Massagen durchgeführt, Übungen gezeigt, die zu Hause gemacht werden können, und über Ernährung gesprochen. So gibt es in der Gesellschaft Anerkennung für die Naturheilkunde und es kommen Menschen den Tag über, um sich behandeln zu lassen oder einfach nur Fragen zu stellen und zu diskutieren. Hier wird gelehrt, dass die Natur dem Menschen nahe ist und das Bewusstsein wird verändert. Navenda Jiyan bedeutet wörtlich „Zentrum des Lebens“, denn hier beginnt das Leben mit der Natur, hier beginnt die Veränderung für ein neues Leben.





