13 Jahre Revolution in Rojava

13 Jahre Kampf gegen Patriarchat und für Frauenbefreiung

Vor 13 Jahren begann in Nord- und Ostsyrien eine Revolution, die das Leben und die Gesellschaft in
der Region grundlegend verändern sollte. Mit Beginn der Aufstände in Syrien ergriff die kurdische
Bevölkerung ihre historische Chance, sich in der mehrheitlich von Kurdinnen bewohnten Region
„Rojava“ (Westkurdistan) in Kommunen und Räten zu organisieren. Damit schufen sie die
Grundlage für den Aufbau einer sich stetig weiterentwickelnden demokratischen Selbstverwaltung
auf Basis des von Abdullah Öcalan entwickelten Paradigmas der Demokratischen Nation.


Getragen von den langen Erfahrungen der kurdischen Frauenbewegung in der Region
organisierten sich die Frauen und wurden zu einer treibenden Kraft in dieser Revolution. Sie
bildeten autonome Strukturen, bauten Frauenräte, Akademien und Institutionen auf, um sich
weiterzubilden und vor allem den Kampf gegen die patriarchale Mentalität in allen Bereichen der
Gesellschaft erfolgreich führen zu können. Gemeinsam setzten sie im Aufbau der Selbstverwaltung
durch, dass alle Strukturen paritätisch durch einen Ko-Vorsitz geleitet werden und alle
Entscheidungsgremien zu mindestens 50 % mit Frauen besetzt sind. Sie entwickelten
Frauenprinzipien und Familiengesetze und arbeiten derzeit daran, einen Frauengesellschafts–
vertrag zu entwickeln und umzusetzen. Frauen bildeten Selbstverteidigungsstrukturen und konnten
so eine eigene ideologische und militärische Stärke und Schönheit entwickeln. Unter größten
Opfern schafften sie es, die Bevölkerung der Region und die Frauenrevolution gegen die Angriffe
einer der dunkelsten Kräfte des 21. Jahrhunderts, den IS, zu verteidigen.

In Rojava kämpfen schon lange nicht mehr nur kurdische Frauen für ihre Freiheit. So wie sich alle
Bevölkerungsgruppen in Nord- und Ostsyrien auf der Basis des gemeinsamen
Gesellschaftsvertrags eigenständig selbst verwalten, haben sich auch arabische, armenische,
assyrische und ezidische Frauen eigene Organisationen und Verteidigungsstrukturen aufgebaut. In
ihren Gemeinschaften wurden sie zu Vorreiterinnen für den Aufbau einer demokratischen und
ökologischen Gesellschaft auf der Basis der Freiheit der Frau.
Heute erinnern wir sowohl an die Anfänge dieser Revolution als auch an die vielen Heldinnen, die in
den letzten 13 Jahren ihr Leben für diese Revolution und ihre Errungenschaften gegeben haben.


Bêrîvan Qelender, Silava Afrin, Peyman Tolhildan, Rêvan Rojava, Arîn Mirkan, Barîn Kobane,
Helîn Qereçox, Hevrîn Xalaf, Zehra Berkel, Viyan Kobanê, Jiyan Tolhildan, Zeyneb Mihemmed,
Sorxwîn Rojhilat, Zozan Hemo, Kerem Ehmed …
sind nur einige von ihnen.


Ihre Namen sind bekannt und sie stehen beispielhaft für tausende, die ihr Leben im Kampf gegen
den IS, gegen dschihadistische Banden oder durch gezielte Drohnenangriffe der Türkei verloren
haben. 2019 wurde der IS zumindest geographisch besiegt. Seine Mentalität ist jedoch weiterhin
lebendig und stellt eine Bedrohung für die Idee einer demokratischen Gesellschaft sowie für die
Menschen in der Region und weltweit dar.


Aktuell steht ganz Syrien vor neuen Herausforderungen. Mit dem Fall des Baʿath-Regimes im
Dezember 2024 wurde ein chauvinistisch-nationalistisches System überwunden,das seine Bevölkerung jahrzehntelang gefesselt hielt. Dies eröffnet die Möglichkeit, neue Wege zu
gehen, und bietet der vielfältigen Bevölkerung Syriens – darunter Araber, Kurden, Suryoye,
Armenier, Tscherkessen, Turkmenen, Alawiten, Eziden und Drusen – die Chance, die Zukunft ihres
Landes gemeinsam neu zu gestalten. Nach zwölf Jahren eines blutigen Bürgerkriegs ist es an der
Zeit, sich der Mentalität der Spaltung entgegenzustellen und einen Weg hin zu Frieden, Demokratie
und Gleichberechtigung zu beschreiten. Die Errungenschaften der Revolution in Nord- und
Ostsyrien können für diesen Prozess ein wertvolles Vorbild sein.


Die Übergangsregierung unter der Führung von Al-Sharaa, auch bekannt als Jolani, wählt hingegen
erneut den Weg der Unterdrückung und Gleichschaltung. Die vielfältige Bevölkerung Syriens und
ihre Religionsgemeinschaften erhalten ebenso wenig Anerkennung wie die Stimmen von Frauen.
Die neue Regierung steht in der Tradition des Islamischen Staates, propagiert eine dschihadistisch-
sunnitische Identität und eine misogyne Mentalität und zwingt der Bevölkerung diese auf. Dass
dieser Weg keinen Frieden für die Menschen in Syrien bringen wird, zeigen die andauernden
Massaker an der alawitischen Bevölkerung in den Küstenregionen und die Angriffe gegen die
drusische Bevölkerung in Suwayda in den letzten Tagen immer wieder deutlich.
Die internationalen hegemonialen Kräfte schützen diese Politik bis heute, da sich ihre
wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen im Mittleren Osten mit einer zentralen Regierung,
einer Flagge und einer Armee besser durchsetzen lassen als in Aushandlungen mit einer
selbstbewussten Gesellschaft, die gemeinschaftlich im Interesse all ihrer Gruppen und der Vielfalt
der Völker entscheiden und handeln will.
Deshalb werden Jolani und die HTS trotz ihrer bekannten Menschenrechtsverbrechen international
als Übergangsregierung chauffiert. Eine de facto seit vielen Jahren funktionierende demokratische
Verwaltung, wie in Nord- und Ostsyrien, in der vielfältige ethnische und religiöse Gemeinschaften
friedlich zusammenleben und in der die Rechte und Freiheit von Frauen weitreichend durchgesetzt
werden, erhält bis heute keine politische Anerkennung.
Die HTS Regierung geht als eine von vielen Versionen Hand in Hand, mit der weltweit erstarkenden
faschistischen und militarisierten Mentalität patriarchaler Herrschaft, gegen die demokratische
Kräfte überall täglich kämpfen. Die Frauenrevolution in Nord- und Ostsyrien ist keine Utopie,
sondern ein konkretes Beispiel dafür, dass eine andere Lebensweise und eine andere Gesellschaft
möglich sind. Dies ist eine Bedrohung für das patriarchale staatliche System und zugleich ein
Versprechen an alle Frauen und demokratischen Kräfte weltweit.


Als Kampagne „Women Defend Rojava“ setzen wir uns dafür ein, die Errungenschaften der
Frauenrevolution in Rojava sichtbar zu machen. Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, sich gegen
das Patriarchat und seine misogynen Strukturen und Denkweisen zu organisieren, zu bilden und
Alternativen aufzubauen, wenn Frauen gemeinsam und entschlossen dafür kämpfen.
Rojava, die Kämpfe und Errungenschaften sind Teil der globalen Geschichte des Kampfes für die
Befreiung von Frauen und der Gesellschaft. Sie geben Menschen und Frauen überall Hoffnung!
Rojava zu verteidigen, bedeutet deshalb auch, unsere Kämpfe zu verteidigen, und zugleich die
Geschichte und die Errungenschaften der Kämpfe von Frauen weltweit!


Mit diesem Bewusstsein geht unser Gruß anlässlich des Jahrestages der Revolution heute nicht nur
nach Rojava, sondern an alle Frauen in Syrien. Wir sind davon überzeugt, dass, wenn sich die
Frauen aller Bevölkerungsgruppen in Syrien vereinen, gemeinsame Schritte hin zu einer
demokratischen Gesellschaft und zu Frieden möglich sein werden.


Jin Jiyan Azadî!


19.07.2025
Women Defend Rojava

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