Nachricht aus Rojava – 04.02.2026

Hier könnt ihr die Nachricht als Audio anhören!

Liebe Freund:innen und Schwestern,
hier ist unser tägliches Update aus Rojava.

Nachdem gestern wegen dem Besuch der Delegation des Syrischen Innenministeriums in Qamishlo eine Ausgangssperre verhängt wurde, und die gesamte Gesellschaft angespannt das Treffen zwischen den Inneren Sicherheitskräften der Selbstverwaltung und der Syrischen Übergangsregierung mitverfolgt hat, haben sich heute die Straßen wieder mit Leben gefüllt und der Verkehr geht weiter.

Doch die Anspannung bleibt deutlich spürbar. Zwar sind die Gespräche gut verlaufen und wir haben von beiden Seiten eine positive Rückmeldung erhalten, jedoch bleibt die Gesellschaft in Bereitschaft sich jederzeit nötigenfalls zu verteidigen.
Eine Führungsperson der Internen Sicherheitskräfte (Asayish) von Nord- und Ostsyrien, Mahmoud Khalil Ali, richtet, nach den Gesprächen, folgende Worte an die Gesellschaft:

„Die Waffenruhe wurde umgesetzt, und der zweite Teil der Vereinbarung, der Einmarsch von Truppen in Qamishlo und al-Hasaka, wurde heute vollzogen. Die Arbeiten an den verbleibenden Bestimmungen werden fortgesetzt, allen voran die Rückkehr der Streitkräfte beider Seiten zu ihren Hauptstützpunkten. Bislang gab es keine Hindernisse oder Verzögerungen, und wir werden diesen Weg weitergehen.“

Die Fotos und Videos, welche zu dem Anlass veröffentlicht wurden, zeigen, dass Frauen und Männer der Asayish und die Kräfte des Innenministeriums der syrischen Übergangsregierung Seite an Seite stehen. Dass auch Frauen – zumindest auf unserer Seite – bei diesen offiziellen Treffen und Bildern präsent sind ist ein wichtiges Zeichen. Es ist ein wichtiger Schritt zur Sicherung der Errungenschaften der Frauenrevolution, dass Frauen weiter in den militärischen Strukturen arbeiten und über ihre Arbeiten selbst entscheiden können. Für die Gesellschaft hier und für die internationalen Kräfte bedeutet dies mit Aufmerksamkeit die weiteren Entwicklungen zu beobachten und dabei ganz besonders laut und immer wieder die Forderungen zur Sicherung der Frauenrechte zum Ausdruck zu bringen.

Eine Antwort der Frauen hier aus der Gesellschaft darauf ist, die Gründung eines autonomen Frauenbataillons im Stadtteil Kornîş, in Qamişlo. Als Teil der zivilen Frauen-Verteidigungskräfte HPC-Jin haben sie ihrem Batallion den Namen Ş. Ayaz Çiya gegeben und werden jede Nacht auf den Straßen sein, um die Sicherheit ihres Viertels zu garantieren. In einer Videobotschaft sieht man sie, eine Gruppe Frauen, die meisten älter, wahrscheinlich Mütter, viele mit Kopftuch, jede mit ihrer Waffe im Arm. Eine der Frauen sagt:

„Sie sollen nicht denken, dass wir Frauen brechen würden; wir Frauen brechen nicht. Wir werden immer Widerstand leisten und wir werden leben!“

Die Verhandlungen hier in Syrien müssen auch in Zusammenhang mit dem Friedensprozess in der Türkei betrachtet werden. Öcalan als Vorreiter dieses Prozesses, hat sich in diesem Rahmen für Frieden in Syrien und eine Integration der Selbstverwaltung in einen demokratischen syrischen Staat ausgesprochen. Der Türkische Staat jedoch fährt Panzer an der Grenze zu Rojava auf.

Seit fast einem Jahr nun, besteht der Versuch gemeinsam an einen Tisch zu kommen um eine friedliche Lösung für das Zusammenleben aller unterschiedlichen Völker, insbesondere der Kurd:innen, in den Regionen der Türkei und in Bakur zu finden. Von Seiten der Kurdischen Bevölkerung und Parteien wurden alle verhandelten Schritte, wie der Abzug der PKK aus den Bergen, sowie auch die Niederlegung der Waffen, bereits gegangen. Doch der türkische Staat zeigt keinen Anschein Schritte in Richtung einer friedlichen Lösung zu gehen.

Im letzten Jahr kam es zwar zu weniger militärischen Angriffen auf die kurdische Bevölkerung, dennoch werden weiterhin viele kurdische Politiker verhaftet, aus ihren Ämtern entlassen und durch türkische Beamte ersetzt.

Bei einer koordinierten Polizeioperation wurden gestern in 22 Provinzen der Türkei auf brutale Art und Weise 96 linke Aktivist:innen, Journalist:innen und Gewerkschafter:innen festgenommen. Besonders Politikerinnern aus der Sozialistischen Partei der Unterdrückten (ESP), ihrer Jugendorganisation SGDF, den Sozialistischen Frauenräten (SKM) sowie Journalist:innen der Nachrichtenagentur ETHA wurden, unter dem Vorwand von Terrorismus, verhaftet.

Des Weiteren kommt es momentan zu enormen Menschenrechtsverletzungen und Gewalttaten, gegenüber Demonstierenden, die für den Frieden in Syrien einstehen. Alleine vom 01.02 auf den 02.02 gab es 846 Festnahmen und über 118 Inhaftierungen mit schwerer psychischer und physischer Gewalt. Besonders Jugendliche unter 18 Jahren sind von den aktuellen Repressionen und Festnahmen betroffen. Die Staatsstrategie, die dahinter steckt, ist es den Widerstand möglichst im Keim – der Jugend – zu ersticken. Davon lassen wir uns jedoch nicht einschüchtern und fordern auch hier die EU auf, Stellung zu beziehen und ihrer Verantwortung nachzukommen, sich für die Einhaltung der Menschenrechte einzusetzen.

Die Vorsitzende der DEM Partei Tülay Hatimoğulları betont: Ein Friedensprozess könne nur dann Substanz gewinnen, wenn europäische Regierungen politischen Druck aufrechterhalten und die Entwicklungen genau verfolgen. Andernfalls bestehe die Gefahr reiner Symbolpolitik.

Diese Worte richten sich vor allem auch an die europäische Gesellschaft, in dessen Verantwortung es nun ist, Druck auf die Regierungen auszuüben. Dass, diese Strategie Früchte trägt, sehen zeigt eine Aktion der Soli-Arbeiten, die sich mit Briefen und der Forderung nach einer Stellungnahme an das Europaparlament gewendet haben. Katja Kallas, Vertreterin der Europäischen Union (EU) für Außen- und Sicherheitspolitik, hat den Punkt „Die Lage in Nordostsyrien, Gewalt gegen die Zivilbevölkerung und die Notwendigkeit der Aufrechterhaltung eines dauerhaften Waffenstillstands“ auf die Tagesordnung einer Februar-Sitzung in Straßburg gesetzt.

In dem Sinne ruft Women Defend Rojava, alle Menschen, die an Frieden und eine demokratische Gesellschaft glauben, dazu auf, aktiv zu werden und sich den lokalen Solidaritätsgruppen anzuschließen oder eigene Kommitees aufzubauen.

Wir laden euch ein an der Online Veranstaltung von Kongra Star am 05. Februar teilzunehmen. Emine Omer vom Frauenrat Nord- und Ostsyriens, Heidi Sequenz aus dem Wiener Landesparlament und Journalistin und Aktivistin Rahila Gupta werden gemeinsam über die Angriffe auf die Frauenrevolution in Rojava sprechen. Mehr Infos dazu findet ihr hier: https://kongra-star.org/eng/2026/02/04/the-womens-revolution-in-rojava-under-attack/

Und damit schicken wir solidarische Grüße aus Rojava!

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