Hier könnt ihr die Nachricht als Audio anhören!
Liebe Freundinnen, Verbündete und Schwestern,
heute ist Donnerstag der 5. Februar. Seit dem Abkommen zwischen der SDF und der Syrischen Übergangsregierung am 29. Januar ist vergleichsweise Ruhe an den Frontlinien eingekehrt. Die ersten Schritte zur Umsetzung des Abkommens wurden gegangen. Eine Delegation des syrischen Innenministeriums hat Kobane, Heseke und Qamishlo besucht. Es finden Gespräche und der Aufbau gemeinsamer Strukturen mit den Inneren Sicherheitskräften (den Asayish) der Selbstverwaltung statt. All das ist von großer Anspannung umgeben. Zum Empfang der Delegation in Qamishlo trugen die Frauen der Asayish demonstrativ ihre Haare in geflochtenen Zöpfen und zeigten mit ihrer aufrechten Haltung ihren Widerstand gegen die frauenverachtende Ideologie der Jihadisten ihnen gegenüber.
Gestern Abend ist der neue Gouverneur von Heseke von der Bevölkerung begrüßt worden. Er wurde von der Selbstverwaltung ausgewählt und ist mit ausgestreckten zwei Fingern an beiden Händen und unter „Bijî Berxwedana Rojava!“ Rufen in die Stadt eingefahren.
Die Belagerung Kobanes dauert an. Seit 17 Tagen kommen kaum Lebensmittel, Medikamente, Wasser und Strom in die Stadt, in der hunderttausende Menschen unter diesen Schwierigkeiten weiterhin jeden Tag ihren Alltag bestreiten. Wir wissen, dass solche Situationen für die Frauen und Mütter immer am schwersten sind. Auf ihren Schultern lastet die Aufgabe jeden Tag aufs Neue Wege zu finden die Familie zu versorgen. Die Solidarität unter ihnen ist, was eine Gesellschaft in einer solchen Lage widerstandsfähig macht.
Eine Delegation aus Kobane hat sich heute mit Verantwortlichen in Aleppo getroffen, um über die Umsetzung des neuen Abkommens zu sprechen, welches auch die Aufhebung der Belagerung vorsieht. Noch sind keine praktischen Schritte gefolgt.
Die Delegation der syrischen Übergangsregierung in Qamishlo und Heseke ist rund um die Uhr begleitet und überwacht von den Sicherheitskräften der Selbstverwaltung. Sie können die Gebäude, in denen sie sich befinden nicht verlassen. Es wird ihnen keine Kontrolle über die Städte gegeben. All die Schritte, die passieren in diesen Tagen sind Kompromisse. Sie wiedersprechen in Teilen unseren Prinzipien, doch sie sind Schritte in einem langfristigen Prozess des kontinuierlichen Widerstands und gleichzeitig Notwendigkeiten in der kurzfristigen Abwendung eines Genozids an der kurdischen Bevölkerung. Niemand hier sieht dem naiv entgegen. Allen ist bewusst wer Freund und wer Feind ist und dass auf Staaten und jihadistische Banden kein Verlass ist. Doch aus der Gewaltspirale und den Irren des dritten Weltkrieges herauszukommen erfordert diplomatisches Vorgehen mit gleichzeitigem vereintem gesellschaftlichen Widerstand. Und dieser geht weiter.
In den Frontregionen kochen Menschen für die dort stationierten Kämpfer:innen. Die vertriebenen Familien werden untergebracht und versorgt. Die Organisation Nudem hat zu Unterstützung für Geflüchtete mit Behinderungen und besonderen Bedürfnissen aufgerufen. Die Frauen aus dem Mala Jin (dem Haus der Frauen) berichtet davon, wie ihre Arbeit weitergeht und auch in dieser Situation immer weiter für Frauen ansprechbar bleibt und hilft Lösungen für ihre Probleme zu finden. Auch die Kultur-Arbeiten spielen eine wichtige Rolle zu dieser Zeit. Alle paar Tage kommen neue Lieder und Videos raus, die Kraft geben und dem Kampf, den die Gesellschaft um ihre Werte führt, Bedeutung gibt. All das trägt dazu bei, die Kraft aufrechtzuerhalten und einen kollektiven Umgang mit den Schwierigkeiten des Krieges zu finden.
Wenn wir einen Blick in die Nachrichten werfen ist es nicht leicht darin die Perspektive der Frauen hervorzuheben. Es hat ein Treffen zwischen Stammesführern – ja ein komisches Wort im Deutschen, aber hier etwas ganz normales – von arabischen und kurdischen Stämmen zusammen mit Vertretern der syrischen Delegation und der Selbstverwaltung stattgefunden. Ein solches Treffen hat große Bedeutung, da der Spezialkrieg hier besonders darauf abzielt Spaltung zwischen den Völkern voranzutreiben. Frauen sind auf den Bildern aber nicht zu sehen.
Auch in Damaskus haben heute Treffen mit dem Französischen Außenminister Barrot stattgefunden. Unteranderem hat er mit Mazlum Abdi gesprochen. Morgen soll Barrot in Erbil auch mit Ilham Ahmed (Außensprecherin der Selbstverwaltung) und Rojhilat Afrin (Oberste Kommandantin der YPJ) sprechen.
Der Französische Minister sagt zu seiner Reise durch den Mittleren Osten: „Seit zehn Jahren kämpft Frankreich unerbittlich und gnadenlos gegen die IS-Terroristen im Irak und in Syrien. Die Fortsetzung dieses Kampfes hat absolute Priorität.“
Auch das US-Miltär hat kürzlich einen Bericht veröffentlicht, in dem fünf Luftangriffe gegen Orte des IS‘ in Syrien dokumentiert wurden. 50 IS-Anhänger sollen dabei ermordet oder verhaftet worden sein.
Die letzten Wochen haben wieder einmal deutlich gezeigt, dass es diesen westlichen Staaten um alles andere, als um eine moralische Mission dabei geht. Die USA selbst haben Gruppen wie den IS mit unterstützt und groß werden lassen. Es ist ein Teil ihrer Strategie, um den Mittleren Osten zu destabilisieren und am Ende ihre eigenen Vorteile zu sichern. Der IS wird, wenn überhaupt, mit symbolischen Aktionen angegriffen, während gleichzeitig Islamisten mit der gleichen Ideologie zu den neuen Herrschern Syriens gemacht werden. Die US-geführte Anti-IS-Koalition hat keinen Finger gerührt, als vor zwei Wochen die HTS massenhaft IS-Gefangene aus den übernommenen Gefängnissen entließ. Jetzt warnt die UN vor einem erneuten Erstarken des IS und der lokalen und internationalen Gefahr die damit einher geht.
Stattdessen hat sich gestern klar gezeigt, welches Interesse wirklich hinter der Politik der USA in Syrien steckt: Tom Barrack, der US Spezialbeauftragter für Syrien, gab bekannt, dass die Syrian Petrol Company erste Verträge mit u.a. einer US amerikanischen Firma unterschrieben hat.
Zuletzt wollen wir noch eine Nachricht von außerhalb Rojavas mit euch teilen. Heute erreichten uns Nachrichten unserer Freund:innen und Genoss:innen aus Athen, aus der selbstorganisierten Nachbarschaft in der besetzten Prosfygika. Manchmal wird Prosfygika auch „klein Rojava“ genannt, weil die Gemeinschaft auf ähnlichen Prinzipien wie die Revolution hier aufbaut und ebenso ein Ort ist, der weit über Athen und Griechenland hinaus ein Beispiel ist, von dem viele lernen.
Der griechische Staat bereitet sich in diesem Moment auf einen großangelegten Angriff auf die Nachbarschaft vor mit dem Ziel sie gänzlich zu räumen. Damit werden nicht nur 400 Menschen auf die Straße gezwungen, sondern auch eine Gemeinschaft zerrissen, die seit über zehn Jahren beweist, dass es möglich ist sich solidarisch und widerständig selbst zu organisieren. Es überrascht nicht, dass dies jetzt passiert. Weltweit spitzt sich der dritte Weltkrieg zu. Und das heißt nicht nur, dass mehr offene Kriege geführt werden, sondern auch dass versucht wird, jedes Projekt, das eine Alternative zum Wahnsinn der kapitalistischen Moderne aufzeigt, im Keim zu ersticken.
Wir stellen uns an die Seite der Gemeinschaft der besetzten Prosfygika und senden Grüße an unsere Freundinnen und Schwestern!
Wir rufen auch euch auf eure Solidarität mit Prosfygika zu zeigen und weiterhin Kämpfe für Freiheit und Selbstbestimmung weltweit zu verbinden!

