Nachricht aus Rojava – 08.02.2026

Hier kannst du die Nachricht als Audio anhören

Liebe Freund:innen,

wir melden uns aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution, wo in diesem Moment das Leben verteidigt wird.

Wir beginnen das heutige Update wieder in der weiterhin belagerten Stadt Kobane, denn es fehlt immer noch an den im Waffenabkommen vereinbarten konkreten Schritten die Belagerung aufzulösen. Die Bevölkerung fordert in diesen Tagen ganz laut und aktiv die Syrische Übergangsregierung auf ihre Truppen zurückzuziehen.

Währenddessen laufen die diplomatischen Prozesse um das Abkommen, Gespräche und Diskussionen zwischen den beteiligten Akteuren finden statt.

Ilham Ehmed, die Ko-Vorsitzende der Selbstverwaltung hat in einer öffentlichen Veranstaltung gestern über die Prozesse berichtet, die Bedeutung des politischen und historischen Moments betont und Fragen aus der Gesellschaft beantwortet.

Sie sagte:

„Es gibt Kräfte, die einen inneren Konflikt provozieren wollen. Wir müssen wachsam sein. Das Projekt, das hier aufgebaut wurde, war von Anfang an ein Projekt für alle, insbesondere aber für das kurdische Volk.“

Sie spricht weiter über das Ziel kurdische Rechte in einem Verfassungsprozess zu sichern.

Damit bezieht sie sich auf die lange Geschichte systematischer Verweigerung von Rechten für die kurdische Bevölkerung z.B. die Verweigerung einer Staatsangehörigkeit, was dazu führt dass viele kurdische Menschen in Syrien offiziell als staatenlos gelten. Auch die Verfolgung der kurdischen Sprache ist Teil dieser Geschichte, so ist die Sprachenfrage nun auch Teil der Verhandlungen.

Ilham Ahmad sagt dazu: „Eine Verfassungskommission sei noch nicht eingesetzt, aber bereits angekündigt.“

In der heutigen Nachricht möchten wir einen Augenmerk auf die schwierigen Punkte legen, die nun Themen der Verhandlungen sind.

Neben den bereits erwähnten Themen, wie die Belagerung Kobanes und eine Sicherstellung kurdischer Rechte, ist ein großes Hindernis, für dass es dringend nach einer Lösung bedarf, die Rückkehr der Vertriebenen in die durch die Türkei besetzten Gebiete.

Diese Gebiete sind vor allem Afrin, Serekanye und Gir Spi.

Die Türkische Besetzung Nord-Syriens beginnt militärisch 2016 und hat Hochzeiten in dem Angriffskrieg auf Afrin 2018 und dem Angriffskrieg auf Serekanye 2019. Die türkischen Interessen sind dabei einerseits, die kurdische Freiheitsbewegung zu vernichten und andererseits eigene imperiale Machtinteressen. So werden die Kriege auch immer wieder begründet, dass die Gebiete zum ehem. Osmanischen Reich gehören und damit rechtmäßig der Türkei zustehen würden.

Die Türkei nennt die besetzten Gebiete „Sicherheitszonen“, und verschleiert damit was dort wirklich passiert.

Die Angriffskriege wurden aus der Luft mit Türkischem Militär und vom Boden mit Proxymilizen durchgeführt. Diese Milizen, allen voran die SNA, wurden von der Türkei mit EU Geldern erschaffen und bewaffnet.

Es sind Gruppen, die von türkischen Faschisten bis IS Kämpfern patriarchale und faschistische Mörder vereint, bewaffnet und bezahlt. Diese Angriffskriege haben große Wunden hinterlassen, ökologisch – wie durch das Abbrennen und Zerstören der Traditionen und Geschichten tragenden Olivenhaine in Afrin oder das Blockieren von Flüssen und Trinkwasserversorgung in Serekanye, sowie gesellschaftlich – durch Folter, Vertreibung und Mord.

Nachdem die Bevölkerung aus ihrer Heimat vertrieben wurde, wurden die Gebiete von eben diesen Söldnern besiedelt und besetzt.

Seitdem sind sie Orte der Gewalt, ethnischer Morde und Verfolgung und vor allem patriarchaler Gewalt, systematischer Vergewaltigung und Unterdrückung von Frauen.

Es sind auch die Orte, an denen der sog. IS und weitere dschihadistische Milizen immer wieder durch den Türkischen Staat unterstützt werden und sich reorganisieren.

Kommen wir nun zurück zu den aktuellen Verhandlungen.

Was also gerade verhandelt wird ist sehr bedeutend. Es sind große Schmerzen, große Gewalt und großer Widerstandsgeist damit verbunden. Gleichzeitig solche Fragen wie, sollten es den Menschen ermöglicht werden zurückzukehren, sind ihre Häuser bewohnt von dschihadistischen Söldnern. Sollten diese wahrhaftig die Gegenden verlassen, wo sollen sie hin?

Denn sogar die Türkei möchte diese wahrhaftigen Terroristen nicht in ihrem eigenen Land haben, dabei haben sie sie herangezogen.

Die tausenden Vertriebenen sind fest entschlossen in ihre Heimaten zurückzukehren und diese wieder aufzubauen. Gerade für die Menschen aus Afrin, die in den letzten 8 Jahren seit der Vertreibung, mehrmals wieder vertrieben wurden, wie auch in den letzten Wochen, ist Heimat gleichbedeutend mit Widerstand. Viele sind zusammengeblieben seit der Vertreibung, haben in den Flüchtlingscamps in Shehba oder Tabqa ein selbstorganisiertes Leben aufgebaut und sind entschlossen zurückzukehren.

Vor allem die Frauen aus Afrin sind tief verwurzelt mit ihrem Land, wo sie bis zu der Vertreibung ein gemeinschaftliches, selbstversorgendes und ökologisches Leben aufgebaut hatten.

Stolz erzählen sie zum Beispiel, dass die Belagerung Afrins kaum Auswirkungen hatte, weil durch die von Frauen betätigte selbstversorgende Landwirtschaft Afrin eine subsistente Gemeinschaft war.

Damit ist Afrin ein Symbol für ein gemeinschaftlich und ökologisches Leben und die Angriffe durch den Türkischen Staat zielen aktiv auf die Widerstandfähigkeit dieses Lebens.

Auch Ilham Ehmed zeigte sich positiv, als sie gestern erzählte, dass für die Rückkehr der Vertriebenen konkrete Vorbereitungen laufen würden. Im Bezug auf künftig auftretende Hindernisse sagte sie zuversichtlich:

„Wir werden für jedes Problem eine Lösung finden.“

Damit ist sie nicht naiv optimistisch, sondern widerständig entschlossen.

Nun hoffen wir, euer Verständnis über die Situation der Verhandlungen ein bisschen vertieft zu haben.

Wir wünschen uns allen viel Kraft darin, dieses gemeinschaftliche und ökologische Leben – das Afrin verkörpert- weiterhin zu verteidigen und fordern euch auf, Widerstand zu leisten gegen die Besatzung des Türkischen Staates in Nord Syrien und für eine Rückkehr der Vertriebenen in ihre Heimat.

Mit widerständigen Grüßen aus Rojava

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