Liebe Freund:innen,
wir melden uns am Mittwoch, den 11. Februar, aus Rojava, aus dem Herzen der Frauenrevolution, wo in diesem Moment die Menschlichkeit und das Leben verteidigt werden.
Wie die letzten Tage beginnen wir auch heute unsere tägliche Nachricht in der belagerten Stadt Kobane, die weiterhin das Zentrum der Anspannung in Rojava ausdrückt.
Während die Implementierung des Abkommens zwischen SDF und Syrischer Übergangsregierung voranschreitet, haben sich die Regierungstruppen noch immer nicht ganz aus dem Umland Kobanes zurückgezogen. Und auch die Präsenz des Türkischen Militärs auf ihrer Seite der Grenze übt weiterhin Druck aus.
Die Institution für Stromversorgung hat nun verkündet, dass es am Montag einem Team von Technikern gelungen ist, die durch die Angriffe verursachten Schäden zu reparieren und die Stromversorgung der Stadt wieder herzustellen. Das ist eine sehr erfreuliche Nachricht, denn das bedeutet, die 600.000 Menschen in Kobane haben nun wieder Strom!
Ein weiterer Aspekt der humanitären Krise hier vor Ort, sind die Hunderttausenden Geflüchteten die im Cizîre Kanton untergebracht sind. Sie wohnen in Schulen, Moscheen und Instutitionen und werden durch eine breite Organisierung versorgt.
Die Ko-Vorsitzende von Heyva Sor a Kurd (Kurdischer Roter Halbmond), Hediye Abdullah, spricht über die Lage der Tausenden Geflüchteten mit einem klaren Apell:
„Die Schulen sind kein Zuhause. Die Zelte kein Zuhause. Unsere Menschen brauchen einen sicheren, würdevollen Ort zum Leben, zurück auf ihrem eigenen Land. Dafür braucht es jetzt eine politische und strukturelle Lösung. Und zwar dringend.“
Auch die Lage in den restlichen Teilen Syriens bleibt angespannt. In den letzten Tagen haben wir über Angriffe der Truppen der Syrischen Übergangsregierung auf Suweida, sowie weit verbreitete Demonstrationen gegen die steigenden Preise von Strom, Benzin und Lebensmitteln berichtet. Gestern gab es in der syrischen Großstadt Homs eine Auseinandersetzung in der dortigen Universität zwischen Studierenden und dem Sicherheitspersonal, nachdem ein Student vom Sicherheitspersonal beschimpft und körperlich angriffen wurde.
Diese Spannungen zwischen Gesellschaft und Übergangsregierung könnten positiv auf eine Demokratisierung Syriens hinwirken. Es besteht das Potential, dass das Klima des Waffenstillstands-und Integrationsabkommen und des Widerstandes in Rojava, eine breitere Demokratisierung Syriens auslösen könnte, falls sich aus den ökonomische Forderungen der Proteste politische Forderungen entwickeln würden und eine Einheit über die ethnischen Spaltungen hinweg gefunden werden kann.
Im EU Parlament, sowie im US Kongress, wurden heute die Lage in Syrien und die Angriffe auf Rojava debattiert. In beiden wurden auch die Beziehungen der westlichen Mäche zur Syrischen Übergangsregierung kritisiert und die Menschenrechtsverletzungen benannt.
Im US Kongress wurde der “Save the Kurds Act“ diskutiert, der vor allem eine Androhung von Sanktionen für die Syrische Übergangsregierung enthält. Vom EU Parlament soll am Donnerstag über einen fraktionsübergreifenden Entschließungsantrag abgestimmt werden. Ob das Europäische Parlament dabei über symbolische Appelle hinausgeht, etwa mit konkreten Forderungen zur Anerkennung Rojavas oder zur Konditionierung von EU-Mitteln, bleibt abzuwarten.
Die letzten Wochen haben einmal mehr gezeigt: wir warten nicht auf westliche Mächte, sondern unsere Absicherung bleibt der Widerstand der Gesellschaft hier und dessen Verbundenheit mit dem Widerstand weltweit.
Die Vorreiterinnenschaft dieses Widerstands bleibt bei der Frauenbewegung. Diese kämpft in diesen Tagen um eine Absicherung ihrer Erungenschaften und Prinzipien. Dabei geht es vor allem um das Ko-Vorsitzenden-System und die Autonomie der Frauen innerhalb der Institutionen. Diese Prinzipien sind nicht nur Prinzipien für die Frauenrevolution in Rojava, es sind Prinzipien für die Befreiung der Geschlechter im Allgemeinen, weshalb wir sie ein bisschen näher betrachten wollen.
Die Autonome Organisierung von Frauen wird in diesen Tagen vor allem um die Frage der Frauenverteidigungseinheiten YPJ diskutiert. Doch tatsächlich gilt sie in allen Lebensbereichen in denen die Frauenrevolution für konkrete Veränderungen kämpft: von Wirtschaft, Politik bis Wissensproduktion, von der Verteidigung bis in die Nachbarschaft, organisieren sich die Frauen in Rojava autonom, und entwickeln ihre gemeinsame Stimme, mit der sie den gesamtgesellschaftlichen Prozess mitgestalten.
Dabei geht es nicht darum, sich zu sektieren, sondern im Gegenteil, in dem Verständnis, dass die Freiheit der Geschlechter die Basis einer befreiten Gesellschaft darstellt, trägt der autonome Rahmen eine große Verantwortung für die gesamte Gesellschaft. Es ist die Verantwortung ein freies Denken und einen freien Willen zu entwicklen um die revolutionäre soziale Transformation, von der alle Geschlechter profitieren, anzuführen.
Dabei ist das Prinzip der Autonomie auch ein Mechanismus der Selbstverteidigung der Beziehungen unter Frauen, gegen patriarchale Spaltungen sowie der organisatorischen Kraft der gesamten Frauenrevolution.
Die Selbstverteidigung der Frauenrevolution ist immer auch eine Selbstverteidigung der gesamten Revolution, da sie ausdrückt um was es geht: das das Ziel keine Machtübernahme im klassischen Sinne ist, sondern das Leben zu befreien.
Das Prinzip der Autonomie sowie das der Ko-Vorsitzenden ist nicht zu verwechseln mit den systemischen Anpassungen, auf die sich heutzutage im Westen viele im Namen der Frauenbefreiung erzielten Fortschritte beschränken, wie Quotenregelungen, rechtliche Gleichstellungsklauseln, gewisse Repräsentationsrechte…
Diese systemischen Errungenschaften bleiben immer fragil innerhalb der Grenzen des männerdominierten Systems und gehören zu den ersten, die in Zeiten von Krieg oder Krise wieder gestrichen werden.
Doch das Prinzip der Autonomie besteht immer, verbunden mit der Befreiung der Geschlechter, die nur durch revolutionäre soziale Transformation erreicht werden kann.
Denn die Frauenrevolution führt durch ihre Verbindung zum Leben in gesamtgesellschaftliche Freiheit.
Deswegen sagen wir: Jin, Jiyan, Azadi! Frauen, Leben, Freiheit.
Mit widerständigen Grüßen aus Rojava!

