Liebe Freund:innen, Verbündete und Schwestern,
es ist Donnerstag, der 12. Februar und wir grüßen euch aus Rojava.
Hilfsgüter aus Bakûr in Kobanê
Es gibt kleine Lichtblicke für die Menschen in Kobanê. Nach dem die Stromversorgung wieder aufgebaut wurde, ist gestern auch nach langer Verzögerung durch den Türkischen Staat endlich ein Konvoi mit Hilfsgütern des Kurdischen Roten Halbmonds aus Nordkurdistan in Kobanê angekommen. Es ist ein großer Erfolg, dass dieser Transport möglich gemacht wurde. Dennoch können auch einige Laster voll Hilfgüter die Situation der Menschen in Kobanê kaum verbessern. Hunderttausende Menschen leben nun seit über drei Wochen unter der Belagerung der Syrischen und Türkischen Regierung. Essen und Medikamente sind kaum noch vorhanden.
Es braucht es weiterhin Druck, um diese bewusst verzögerten Prozesse zu beschleunigen und einen Korridor zum Cizîre Kanton zu öffnen. Die Syrische Übergangsregierung muss endlich ins Handeln kommen und den Vereinbarungen im Abkommen nachgehen. Bis Dato wurden noch keine Maßnahmen getroffen, um die Belagerung in Kobane zu stoppen.
Belagerung als Kriegsstrategie
Auch aus Sweida Stadt kommen Nachrichten über Engpässe. Alle Bäckerein haben derzeitig geschlossen, weil sie kein Mehl mehr haben. Ein Hilfskonvoi mit 400 Tonnen Mehl wird an einem der Regierungs-Check-Points aufgehalten. Seit Wochen ist die Zufuhr in die drusischen Gebiete mit Beschränkungen belegt. Jetzt ist die zentrale Straße nach Damaskus blockiert. Die Leute haben Angst und sind wütend, so wird berichtet. Dass die Syrische Regierung in Sweida wie in Kobanê den Hunger der Zivilbevölkerung als Druckmittel gegen sie einsetzt, bricht Internationales Recht und muss dementsprechend verurteilt und unterbunden werden. Es wundert uns nicht, dass die internationale Staatengemeinschaft im Angesicht dessen keinen Finger rührt.
Weiterer Rückzug der Internationalen Koalition
Während bewaffnete Auseinandersetzungen auch in Raqqa und an der Westküste zu weiteren Toten führen, zieht sich die Internationale Anti-IS Koalition von einer ihrer Basen zurück und überlässt der HTS bereitwillig das Feld.
Kündigung alawitische Lehrer
Alawitische Lehrer haben bekannt gegeben, dass ihnen vom Bildungsministerium in Damaskus per WhatsApp Nachricht die Befristung ihrer Arbeitsverträge mitgeteilt wurde. Bildung ist das Herzstück einer Gesellschaft. Durch Bildung werden Wissen, Bewusstsein, Werte und Kultur weitergegeben. Es ist eine verbreitete Praxis unterdrückerischer Staaten, die auch hier noch vom Baath Regime bekannt ist, Schulen zu Orten der Assimilation zu machen. Auch hier in Rojava sind Diskussionen über die Zukunft des Bildungssystems auf der Tagesordnung. Die Regierung will Kurdisch auf ein 2-stündiges Wahlpflicht Fach einmal in der Woche beschränken. Das wird hier niemand akzeptieren.
Was macht eigentlich Israel?
Kontinuierlich sehen wir Nachrichten über weitere Bewegungen des Israelischen Militärs im Süden Syriens. Seit der Machtübernahme der HTS hat Israel seine Besatzung der Golan Höhen ausgeweitet und rückt dort, in der Region Quneitra, mit schweren Waffen weiter vor. Zivilist:innen werden angegriffen und historische Orte zerstört. Diese klaren Verletzungen des internationalen Rechts wurden zwar mit Worten international verdammt, doch medial kaum zum Thema gemacht. Auch die Syrische Regierung geht gegen diese Angriffe nicht vor. Warum? Offiziell, weil Al-Shaara seinem Land keinen weiteren Krieg zu muten will. Komisch, wenn man sich anschaut, was er in den letzten Wochen gemacht hat. Wahrscheinlicher hängt es mit den Abmachungen zusammen, die am 5. Januar zwischen Syrien und Israel in Paris getroffen wurden. Al-Shaara und die HTS wurden von imperialistischen Kräften wie den Großbritanien, Frankreich und den USA gezielt darin unterstützt die Macht in Syrien zu übernehmen, um einen weiteren Hebel für die Umsetzung westlicher Interessen im Mittleren Osten zu haben. Dazu gehört es auch sich dem Staat Israel unterzuordnen, der seit geraumer Zeit an der Schaffung des sogenannten „David’s Korridor“ zu arbeiten scheint. Dieser soll ein breiter Streifen von Gaza über die Golan-Höhen, durch den Süden Syriens bis hoch nach Kurdistan sein.
Heute hat Israel eine große Militärübung durchgeführt, die auch als ein Zeichen gewertet werden muss. Dieser vorraus ging ein Treffen zwischen Trump und Netanyahu, in dem es um den Iran ging. Auch Gaza gegenüber droht Israel nach 4 Monaten Waffenruhe mit einer weiteren Bodeninvasion.
Dieses geplante Chaos, das mit strategischer Genauigkeit über die Menschen und die Landschaft des Mittleren Ostens gebracht wird, müssen wir in seiner großen Dimension, als eines der Zentren des dritten Weltkrieges, als Bühne der imperialistischen, patriarchalen Kräfte verstehen – und gleichzeitig dabei nicht vergessen, was es im ganz konkreten am Boden bedeutet. Und welchen Widerstand es dagegen gibt.
Fatima
Deshalb möchte ich euch noch zum Ende unserer heutigen Nachricht von Fatima Haj Mahmoud erzählen. Fatima ist eine junge Frau aus der Region Kobanê. Als der Krieg sich hier zuspitzte holte ihre Familie sie aus der Stadt, in der sie im ersten Jahr Recht studierte, ins Dorf zurück, um beisammen zu sein. In der Nacht des 25. Januar wurde ihr Dorf von den, mit der Syrischen Übergangsregierung verbundenen, Milizen angegriffen. Mit schweren Waffen wurden einfache Wohnhäuser beschossen. Als Famita aufwachte war sie schon unter einem schweren Block eingeklemmt. Es dauerte bis zum nächsten Morgen, sie aus den Trümmern zu bergen. Die fünf anderen Familienmitglieder, die mit ihr in dem Haus waren, überlebten den Angriff nicht. Ihre Beine mussten amputiert werden. In einem Interview ist die junge Frau zu sehen, wie sie aufrecht in ihrem Rollstuhl sitzt. Sie erzählt von dem brutalen Angriff, den sie überlebt hat und sie weiß, dass dieser Angriff in einer langen Reihe von Angriffen steht, die im Laufe der Geschichte immer wieder gegen das kurdische Volk verübt wurden. Sie betont, dass die Kurd:innen stark sind und mit ihrem Willen gegen all diese Angriffe Widerstand leisten. Wenn man sie so sieht, wie sie zurück an der Uni in Kobanê ist, an der sie vor hat ihr Studium fortzuführen und abzuschließen, dann sieht man diesen Willen und diese Widerstandskraft in ihren Augen und ihrem Lächeln. Diese Kraft, die selbst eine so unvorstellbar schlimme Erfahrung, in Entschlossenheit verwandeln kann.
Geschichten, wie diese ereignen sich in diesem Chaos, in diesem Krieg um die Zukunft des Lebens hier und auf der ganzen Welt an jedem Tag. Wie die Jineolojî es sich zur Methode macht, müssen wir darin immer das Kleine mit dem Großen verbinden, das Spezifische im Universellen sehen.
Und damit kommen wir für heute zum Ende, wünschen euch viel Kraft und Willensstärke und hören uns morgen wieder!

