Die Frauen von Kobanê

„Wir Frauen werden uns jedem Angriff widersetzen. Als Frauenbewegung rufen wir zur Mobilisierung auf und beteiligen uns daran. Wir bekräftigen unser Versprechen an die Kämpferinnen und Kämpfer. Dieser Widerstand ist eine Ehre der Menschheit; die Unterdrückung der Menschlichkeit wurde hier besiegt, und dieser Sieg wurde unter der Führung des kurdischen Volkes errungen. Sie wollen diesen Willen auch in Kobanê brechen. Wir haben versprochen zu existieren, und wir werden diesen Widerstand nicht aufgeben. Wir haben ein Versprechen gegeben, und wir werden bis zum Ende Widerstand leisten.“ – Nadiya Hiso, Sprecherin von Kongra Star

Kobane ist eine alte Stadt, die insgesamt aus 360 Dörfern mit fünf Gemeinden und zwei Großbezirken besteht. Die Stadt ist sehr alt, mit lebendigen Marktgeschehen und spielenden Kindern auf der Straße. Die Frauen von Kobane organisieren sich, bauen Instutitionen auf um ihren Stimmen Raum zu geben und ihre Rechte zu verteidigen. Ihre Selbstverteidigung besteht aus Bildung, Organisierung, Kooperationen und aus bewaffneten Einheiten.

Am 6 Januar 2026 startete die syrischen Übergangsregierung einen Angriffskrieg gegen die Regionen der Autonomen Selbstverwaltung in Nord – und Ostsyrien.

Im Verlaufe dessen wurden am 19. Januar die Städte Ayn Issa und Sîrin angegriffen, und die Frontlinie erreichte Kobanê.

Seitdem ist Kobanê umzingelt. Auf der einen Seite befindet sich die türkische Grenze und auf der Anderen die islamistischen Truppen der Syrischen Übergangsregierung, die vom türkischen Staat mitfinanziert werden.

In den umliegenden ländlichen Gebieten werden Dörfer, wie Khirab Ashk von Söldnergruppen der syrischen Übergangsregierung schwer beschossen.

Der Tod von insgesamt 5 Menschen, darunter 2 Kindern sind eine der schmerzhaften Folgen der Angriffe.

Fatima, eine Studentin der Universität in Kobanê verlor bei diesem Angriff einen Teil ihrer Beine, woraufhin große Proteste der Studierenden statt fanden.

Seit Beginn der Angriffe hat sich das Leben in Kobane drastisch verändert.

Zehntausende Menschen sind aus den ländlichen Gebieten ins Stadtzentrum geflohen, ebenso wie Vertriebene aus den überfüllten Camps von Raqqa, Tabqa und Girê Spî. Die vielen Menschen können nicht versorgt werden. Es fehlt an Unterkünften, Heizmaterial und Lebensmitteln.

Viele Familien kommen gerade in leerstehenden Schulen, ungenutzten Geschäften oder notdürftig in Fahrzeugen unter. Die Schulen fallen wegen fehlendem Strom und der Unterbringng von Vertriebenen aus. 72000 Schüler:innen können auf Grund der Belagerung nicht beschult werden.

Die Stromversorgung wurde am 18. Januar gezielt unterbrochen: Die Leitung über Sirîn, die den Tişrîn-Staudamm mit Kobanê verbindet, wurde von Truppen der Übergangsregierung gekappt.

Damit fällt auch die Wasserversorgung aus. Von 15 Pumpstationen ist nur noch eine funktionstüchtig. Erst vor wenigen Tagen konnte die Stromversorgung wieder hergestellt werden.

An allen Ecken fehlt Diesel-Öl, zum Heizen, für die Bäckerei zum Brot backen, aber auch die Krankenhäuser haben Schwierigkeiten ihren Betrieb unter knappen Reserven am Laufen zu halten.

Krankenhäuser sind generell überfüllt, und vor allem sind Medikamente gegen Atemwegserkrankungen, Anästhetika, Mittel für Diabetes- und Bluthochdruckpatient:innen sowie Sauerstoff vollständig aufgebraucht.

An der türkischen Grenze, wo Panzer und schwere Waffen stationiert sind, werden Lastwagen mit Hilfsgütern tagelang festgehalten und verhindert, dass diese Kobanê erreichen.

Unter diesen Umständen lerne ich Hamile kennen.

Hamile lebt in Kobane, hat 2014 gegen den IS gekämpft und kämpft heute immer noch für die Rechte von Frauen und für ein freies Leben. Damals, als ihre Tochter noch gestillt wurde, hat sich Halime den inneren Sicherheitskräften angeschlossen.

Noch vor Ende der Kämpfe verließ sie 2014 die Stadt, wie Viele andere. Sie ging in die Türkei und engagierte sich in der HDP. Dort wurde sie wegen ihrer politischen Aktivitäten in Syrien verhaftet und vom Geheimdienst aufgespürt. Sie wurde angeklagt, zu 24 Jahren Haft verurteilt und nach Nordsyrien, in die befreite Stadt Kobanê, fliehen musste.

Heute ist Halime Vorsitzende der Frauenorganisation „Sara“, die mit Frauen mit Gewalterfahrungen zusammenarbeiten.

Unter den aktuellen Bedingungen, können die Frauen ihren Arbeiten in Sara nicht nachgehen, was ein schwerwiegender Angriff auf die Errungenschaften der Frauenrevolution ist.

Hamile sagt: „In Kobanê wurde nicht nur der IS besiegt, in Kobanê rebellierten die Frauen gegen das Patriarchat und begannen eine Revolution.“

Doch Frauen, wie Halime, die sich für andere Frauen, ihre Rechte und für Familiengesetze einsetzen sind misogynen und faschistischen Ideologien ein Dorn im Auge.

Auf Grund dessen ist Halime im April 2024 zum Angriffsziel einer türksichen Drone geworden. Dieser Angriff zeigte einmal mehr, wie strategisch und brutal der türkische Staat die Selbstermächtigung der Frauen angreift.

Hamile spürt die Folgen des Angriffes bis heute. Sie ist immer noch auf medizinische Versorgung angewiesen, welche in der aktuellen Situation in Kobanê fehlt.

Mit kräftiger Stimme sagt sie:

„Meine Gesundheit ist schlecht, ich fühle mich krank und kann nicht zum Arzt gehen.

Die Straßen sind gesperrt, wir befinden uns in einer Belagerung, die Lage zu Hause ist auch nicht gut. Das Embargo muss aufhören, sodass ich medizinische Versorgung bekommen kann.“

Trotz der gesundheitlichen Belastung wirkt Halime sehr entschlossen. Müdigkeit ist ein Luxus, den sie sich nicht leisten kann.

Sie erzählt, wie die Frauen von Kobanê sich in dieser aktuellen Angriffsphase organisieren:

„Während der Belagerung spielen Frauen eine aktive Rolle beim Schutz ihrer Nachbarschaft. Ältere Frauen organisieren sich, um ihr Viertel zu verteidigen.

Sie stehen hinter den Kämpfer:innen der YPJ und YPG.

Frauen, die selbst nicht mehr zu den Waffen greifen können, versorgen die Kämpfer:innen mit Essen. Denn in einer solchen Situation dürfen unsere Kämpfer:innen nicht hungern.

Die Frauen organisieren sich und tun, was getan werden muss, ohne auch nur einen Schritt zurückzuweichen.“

Die Gesellschaft in Kobanê handelt aus Erfahrungswissen. Die Bevölkerung weiß, dass der Erfolg des Widerstandes in der Handlungsfähigkeit der Menschen liegt. Die kommunale Organisierung der Menschen ist daher das Herz der Revolution.

Halime ist selbst Tag und Nacht auf den Straßen:

„Ich bleibe nicht zu Hause. Ich bin auf der Straße, gehe von Haus zu Haus und besuche die Menschen. Ich schütze die Nachbarschaft. Bis zum Morgen halten wir Nachtwache, schützen unser Land und unterstützen YPG und YPJ. Wir setzen unsere Arbeit fort, Frauen bleiben nicht zu Hause, jede trägt ihren Teil bei.“

Die bewaffnete Selbstverteidigung der Frauen steht in akuten Angriffsphasen an erster Stelle. Frauen die in Frauenorganisationen oder Institutionen arbeiten, müssen in solchen Phasen ihre eigentlichen Arbeiten einschränken.

„Als Mala Jin, als Organisation Sara, als Kongra Star – wir alle tragen zur Verteidigung und zum Schutz unseres Viertels, unserer Stadt und der Frauen bei. Alle stehen hinter YPJ und YPG und alle sind Teil der militärischen Verteidigung ihrer Stadt geworden.“

Frauen sind im Krieg einer Doppelbelastung ausgesetzt. Die Frauen in Kobanê bauen aktiv Strukturen auf, um der humanitären Krise entgegen zu wirken. Zeitgleich müssen sie ihre Familien organisieren und versorgen.

„Wir beginnen jetzt mit einer Kampagne für die Vertriebenen. Wir besuchen sie zuerst. Diejenigen, die aus Raqqa, Sirrin, Ayn Issa, Tabqa, Sheihk Maqsoud und Ashrefiye nach Kobanê gekommen sind. Wir beginnen jetzt mit ihnen. Sie sind größtenteils in Schulen untergebracht. Wir besuchen sie und versuchen, uns über die Lage der Frauen und Kinder und ihren Schutz zu informieren.“

Ich folge den kraftvollen Worten, die Halime kämpferisch ausdrückt, mit tiefem Respekt. Es sind die Frauen, die die Gesellschaft auch in solchen Phasen zusammenhalten. Es sind die Frauen, die trotz den schwersten Umständen immer noch die Gefahr erkennen und sich organisieren.

Am Ende frage ich Halime, was Sie der Welt mitteilen möchte.

„Meine Botschaft als Frau, als Frau aus Kobanê, an unsere Freund:innen in anderen Ländern lautet:

Lasst uns dem Widerstand von Şehîd Arin Mirkan, dem Widerstand der YPJ und YPG folgen. Lasst uns denen folgen, die 24 Stunden am Tag an vorderster Front gegen den IS in Rojava kämpften. Lasst uns die Belagerung von Kobanê beenden.“

Jin – Jiyan – Azadi

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