Nachricht aus Rojava – 17.02.2026

Hier kannst du dir die Nachricht als Audio anhören:

Liebe Freund:innen,

wir melden uns mit den täglichen Nachrichten aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution.

Gesundheitssektor

Wir beginnen unsere heutige Nachricht mit der allgemeinen Situation in Syrien, welche angespannt bleibt. Tagtäglich kommt es in den südlichen Gebieten Syrien, zu Protesten der Bevölkerung und Gewaltakten durch die syrische Übergangsregierung. Die Proteste richten sich vor allem gegen die ökonomische Lage, die steigenden Preise und fehlende Unterstützung durch die Regierung.

Gerade werden vor allem Stimmen im Gesundheitssektor laut. Die Strukturen sind überlastet, es gibt keine Arbeitsrechte und wenig Gehalt.

Assistenzärzte in Krankenhäusern im südlichen Latakia protestierten gegen die niedrigen Gehälter und forderten bessere Arbeitsbedingungen. Sie kündigten an, ihre Aktionen zu verschärfen, sollten ihre Forderungen nicht innerhalb von sieben Tagen erfüllt werden.

In Suweida, auch im Süden Syriens, mussten aufgrund von Versorgungsengpässen und Stromausfällen 90 % der Leistungen der Kliniken eingestellt werden. Hunderte Patienten sind dadurch von lebenswichtigen Diagnose- und Behandlungsleistungen abgeschnitten, und die Klinik steht kurz vor dem Zusammenbruch.

Die Lebenskrise in Syrien verschärft sich, da die Kluft zwischen Löhnen und Lebenshaltungskosten immer größer wird. Der Mindestlohn deckt angesichts steigender Inflation und der Ausbreitung der Schattenwirtschaft nur noch einen Bruchteil der Grundbedürfnisse.

Wir sehen, wie die Syrische Übergangsregierung, ihr Land nicht regieren und ihr Volk nicht versorgen kann. Ihre Macht besteht, wie die meisten staatlichen Regierungen weltweit, nicht aus der Unterstützung der Bevölkerung, sondern aus Gewalt und Unterstützung durch imperiale Mächte.

Al-Hol Camp

Das al-Hol Camp, ein Lager,  in dem Anfang Januar noch 21.000 Menschen, zum größten Teil, Söldner, Frauen und Kinder des IS, untergebracht waren, wurde in den letzten Wochen geräumt und wird whs. Am Donnerstag geschlossen.

Die Räumung wurde durch die syrische Übergangsregierung, die zuletzt das al-Hol-Camp verwaltet hat, durchgeführt. Mitwirkende bei diesem Plan waren ausländische Verbündete. Ein organisierter internationaler Rückführungsprozess, mit psychologischen, ideologischen und sozialen Rehabilitationsprogrammen, bleibt vollkommen aus.

IS-Söldner, sowie radikalisierte Frauen und Kinder sind nun zu ihren Familienmitgliedern zurückgekehrt und in ganz Syrien verstreut.

Diese Entwicklung birgt die Gefahr eines Wiedererstarkens des IS in ganz Syrien. Wir blicken Risiken, wie einer Erleichterung der Kommunikation der IS-Kämpfer und Organisierungsstrukturen und der Bildung von neuen IS-Zellen, entgegen.

Innerhalb des Lagers entwickelte sich Rekrutierungsnetzwerke für Kinder, die als „Kalifatsjungen“ bekannt waren. Ebenso wie die Organierung von religiösen Gerichten die in Verbindung mit dem IS stehen. Ein Mittel zum Zweck ist es in diesen Strukturen, mit Mord und Drohungen die Menschen einzuschüchtern.

Internationale Kräfte haben sich indirekt an der Räumung beteiligt. Kräfte, wie die UN, haben sich seit den Angriffen im Januar 2026 aus dem Camp, mit Ausnahme der Wasserversorgung, zurückgezogen. Auch die USA zeigen sich in Anbetracht ihrer Doppelmoral als indirekter Akteur.

Zum einen bombardieren sie IS-Stellungen, zum anderen sind sie an der Freilassung beteiligt, da sie ebenfalls ihre Truppen zurückgezogen haben.

Kampf der Jesid:innen

Eine angespannte Stimmung herrscht jedoch nicht nur in Rojava, auch im Shengal, im irakischen Teil Kurdistans, sind die Vertreter der jesidischen Stämme in Alarmbereitschaft.

Vor allem durch kürzliche Aussagen des türkischen Außenminister Fidan Hakan, der Invasionen gegen „ Strukturen“ im Irak andeutete, besteht Sorge.

Im Jahr 2014 begehen IS-Terroristen einen Genozid an der jesidischen Bevölkerung im Shengal, Nordirak. Die Auslöschung und die brutalen Gewalttaten gegenüber jesidischen Frauen werden für immer einen kollektiven Schmerz hinterlassen.

Durch die aktuelle Situation und die Androhungen werden ähnliche Szenarien der Vertreibung und Angriffe befürchet.

In Rojava spricht sich der Vertreter der Jesidenunion Syriens, Ziad Rustem, für eine verfassungsmäßige Garantie ihrer Rechte und die offizielle Anerkennung ihrer Religion aus.

In dem Zusammenhang betont er die Bedeutung der Demokratie und des friedlichen Zusammenlebens, den Rechtsschutz für ihre Dörfer sowie den Aufbau eines inklusiven syrischen Staates, der die Rechte aller Bevölkerungsgruppen und Religionen ohne Diskriminierung gewährleistet.

Er betont:

„In Nord- und Ostsyrien hat sich seit Beginn der Revolution das Modell der Autonomen Verwaltung als bestes Beispiel erwiesen, da es alle Völker repräsentiert. Angesichts der Vielfalt der Region unter dieser Verwaltung und der aktiven Beteiligung der Jesiden und unseres Volkes im ganzen Land sollte dieses Projekt auf ganz Syrien ausgeweitet werden. Daher muss die syrische Verfassung die Rechte aller Völker garantieren.“

Viele Menschen, die in der Autonomie Verwaltung unter dem Gesellschaftsmodell des Demokratischen Konförderalismuses leben, beschreiben dieses Gesellschaftsmodell als realistische und wirkliche Lösung eines demokratischen Syriens.

Das basisdemokratische Modell basiert auf einem Kommunensystem, in dem die Bevölkerung in Kommunen von 50–200 Menschen lebt. Jede Kommune wird vertreten durch die Kommunensprecher:innen, welche aus einem Co-Chair-System bestehen. Die Vertreter kommen wiederum in Räten mit den anderen Kommunen zusammen, um die aktuellen Bedürfnisse, Herausforderungen und Belangnisse zu diskutieren. Dieses System weitet sich von Kommunen zu Bezirken bis zu Kantonen aus.

Innerhalb der Kommunen, den kleinsten Einheiten, gibt es verschiedene Kommissionen, die eine spezifische Aufgabe haben, wie z. B. Ökonomie, Gesundheit, Bildung etc. Auch in jeder Kommission gibt es Co‑Vertreter:innen. Die mit anderen Kommissionsvertreter:innen in Räten zusammenkommen.

Was wir sehen, ist ein Modell, bei dem die Menschen die aktiven Subjekte ihrer selbst sind. Sie sind untereinander vernetzt, bilden so ein kommunales Zusammenleben und die Stärke der Gesellschaft.
Diese Stärke ist es, die wir auch jetzt in den aktuellen Angriffphasen sehen und spüren.

Co Chair

Das System der Ko-Vorsitzenden ist beispielsweise ein weiteres Instrument, welches es Institutionen ermöglicht, eine Basis für die Selbstverteidigung von Frauen zu schaffen. Woraus besteht dieses System? Es ist ein System geteilter Verantwortung, das den Willen beider Geschlechter widerspiegelt. #

Die Zusammenarbeit ist an sich schon ein Kampf. Die einzelnen Ko-Vorsitzenden sind ebenfalls Bestandteile der Kommune, denn das System der Kommune ist das grundlegende System, das die Mentalität der Gesellschaft verändert.

Die Kommune ist der kleinste, aber wirkungsvollste Keim. Verantwortung für das System der Kommune zu übernehmen, ist eine der Aufgaben von Frauen. In diesem System behält jede Person ihre Farbe, aber alle arbeiten zusammen und gestalten gemeinsam Gegenwart und Zukunft.

Der wichtige Punkt des Ko-Vorsitzes ist nicht die „Frauenquote“, sondern die Tatsache, dass keine einzelne Person die Macht innehat.

Bisher war die Führungsposition meist ein Mann, und selbst wenn es zwei Männer gewesen wären, hätte das nichts am Problem geändert, denn entscheidend ist nicht die Biologie, sondern die Sozialisation. Wir müssen Frauen nicht an die Stelle der Männer setzen, sondern die Macht des dominanten Mannes brechen und sie durch eine gemeinschaftliche, soziale, weibliche Denkweise ersetzen. Nur so können wir ein freies Leben gestalten, in dem alle Geschlechter vom Patriarchat befreit sind.

Die Bedeutung der Muttersprache Kurdisch – Verteidigen

Am 21. Februar ist internationaler Tag der Muttersprache.

Dieser Tag ist ein historisch hoch gewachsener Tag. Der Gedenktag geht auf die Ereignisse von 1952 in Dhaka (damals Ost-Pakistan, heute Bangladesch) zurück, als bengalische Studierende für das Recht auf ihre Sprache protestierten und dabei getötet wurden. Dieser historische Bezug stehe heute weltweit als Symbol gegen sprachliche Verdrängung und Auslöschung.

Wir müssen das Recht auf Muttersprache als Recht für die Grundlage von Persönlichkeit, kulturellem Gedächtnis und kollektiver Existenz begreifen. Sprachverlust bedeute immer auch Verlust von Geschichte, Kultur und Selbstverständnis einer Gemeinschaft.

Im Sinne dessen, fordert Ilham Ehmend, Außenbeauftragte der Autonomen Selbstverwaltung Nordostsyriens (DAANES), auf der Münchener Sicherheitskonferenz das Recht auf Bildung in der eigenen Muttersprache. Eine Regelung, die Kurdisch nur als wenige Stunden Wahlfach vorsieht, sei nicht ausreichend.

Die genauen Verhandlungen zu dem Thema Bildung führen momentan ausgewählte Delegation.

Wir warten immer noch auf weitere Schritte und verfolgen den Prozess.

Die Gesellschaft ist entschlossen, auch diesen Punkt des Abkommens zu verteidigen. Sie werden ihre Sprache, ihre Kultur, ihre Identität, ihre Geschichte und das kollektive Gedächtnis nicht aufgeben.

Auf vielen Demonstrationen sehen wir die Schilder:

Zimanê me ruhmeta me ye – unsere Sprache ist unsere Würde

In Tabqa gibt es heute Widerstand

In einem online verbreiteten Video ist zu sehen, wie mehrere junge Männer – die sich als „Freiwilligenteam Tabqa“ bezeichnen – Plakate und Aufschriften entfernen, die zur Achtung der Freiheit von Frauen und zu einer stärkeren Teilhabe am öffentlichen Leben aufriefen.

Einer der jungen Männer sagt in dem Video, die Parolen „passen nicht zu unserer Kultur“ und lehnt damit Botschaften ab, die Frauenrechte und Geschlechtergleichstellung unterstützen. Der Vorfall ereignete sich kurz nach dem Einmarsch der syrischen Übergangsregierung in die Region Raqqa, inmitten anhaltender politischer und sozialer Umwälzungen in der Region.

Solche Umstrukturierungsmaßnahmen müssen wir sichtbar machen. Gerade wenn die Jugend organisiert wird.

Die Frauen in Tabqa selbst, können wahrscheinlich nicht repressionfrei auf die Straßen gehen, daher stehen wir Seite an Seite mit ihnen.

Wir stehen auf für die Rechte der Frauen in Tabqa und tragen unsere Stimmen auf die Straßen.

Appell an Frauenbewegungen

Zum Schluss richtete Ehmed einen ausdrücklichen Appell an Frauenorganisationen – in Rojava ebenso wie international. In Umbruchphasen entstünden neue politische Räume; ohne Organisierung gingen diese Chancen schnell verloren.

Sie sagt:

„Rojava zu verteidigen heißt, die Errungenschaften von Frauen insgesamt zu verteidigen“

Frauen müssten ihre Stimmen in dieser Phase deutlich stärken und ihren politischen Einfluss ausbauen.

Mit revolutionären Grüßen aus Rojava

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