Die Errungenschaften der Frauenrevolution verteidigen

Ein Krieg gegen Frauen und das Leben

Seit Beginn des Angriffskrieges am 6. Januar werden, angeführt von der syrischen Übergangsregierung und dem türkischen Staat Frauen und ihre Einrichtungen systematisch angegriffen. Während den Massakern in den selbstverwalteten und überwiegend kurdisch bewohnten Vierteln von Aleppo, Scheich Maqsoud und Aschrafije, die sich bis in die Euphratregion und den Kanton Cizire ausbreiteten, wurden Frauen ermordet, gefoltert und als Geiseln genommen. Ihre Einrichtungen wurden geplündert, zerstört und niedergebrannt.

Die Zerstörung der Jineolojî-Bibliothek in Scheich Maqsoud verdeutlichte unter anderem, dass es in diesem Krieg nicht nur um Land und Ressourcen geht, sondern dass dieser darauf abzielt, die Errungenschaften der Frauenrevolution zu vernichten. Die Bibliothek wurde nach dem Jineolojî-Mitglied Nagihan Akarsel benannt, die 2022 vom türkischen Staat ermordet wurde. Es war ein Ort, an dem Mädchen und Frauen lesen lernen, ihr Wissen vertiefen und sich im Austausch mit anderen Frauen und im Bewusstsein ihrer Geschichte stärken konnten.

Die Geschichte von Kriegen und Machtkämpfen hat unzählige Bücherverbrennungen gesehen, die darauf abzielten, das kollektive Bewusstsein zu verdunkeln. Doch der unaufhaltsame Aufbruch der Entwicklung dadurch nie aufgehalten werden.

Die Soldaten der syrischen Übergangsregierung haben ihr Verständnis von Leben in ihrem Umgang mit dem Tod offenbart, darin, wie sie die Leichen der Ermordeten behandeln. Das Werfen des Körpers einer Kämpferin der lokalen Sicherheitskräfte von einem hohen Gebäude in Aleppo oder das Abschneiden des Zopfes einer YPJ-Kämpferin und dessen Aufbewahrung als Trophäe zeugen vom tiefen Hass dieser Angreifer auf Frauen und ihre Würde.

In Tabqa wurde in der zweiten Januarwoche 2026 die Statue einer Kämpferin, die 2018 zum Gedenken an die Befreiung der Stadt vom IS errichtet worden war, umgestoßen und zerstört. Dieser Angriff auf das Andenken und die Symbole der Frauenrevolution wurde von türkisch-faschistischen Parolen begleitet. Nachdem das Zentrum der Frauenorganisation „Zenobia“ in Raqqa niedergebrannt worden war, wurden erneut schwarze Schleier und Korane von Haus zu Haus verteilt. Dies zementiert ein System, in dem Frauen in ihren Häusern isoliert und gezwungen werden, der Linie von „einem Gott, einer Macht“ zu folgen.

Diese Angriffe gegen Frauen sind eine Kriegswaffe, die dazu dient, die gesamte Gesellschaft zu unterdrücken und Angst und Lähmung zu verbreiten, indem das Zentrum und Herz der Gesellschaft angegriffen wird. Mit den Angriffen auf Frauen wird die gesamte Gesellschaft, ein freies Leben und eine freie Zukunft angegriffen.

Frauenrechte in den Verhandlungen

Mit dem Abkommen vom 29. Januar, welches einen Waffenstillstand und die Integration der Autonomen Verwaltung in die staatlichen Strukturen beinhaltet, verlagerte sich der Krieg vom Schlachtfeld an den Verhandlungstisch.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sich die Mentalität der syrischen Übergangsregierung geändert hat. Dieselben Leute, die noch vor wenigen Tagen Frauen ermordeten und nun in Raqqa schwarze Schleier verbreiten, sitzen nun auf der anderen Seite des Verhandlungstisches.

Um die anhaltenden Massaker zu verhindern und den Völkermordkrieg zu beenden, ist ein Abkommen notwendig.

Dies bietet auch die Chance, die Errungenschaften der Revolution in der Verfassung zu verankern und mit einem Beharren auf demokratische Werte ganz Syrien zu beeinflussen. Die schwierigsten Themen in diesen Verhandlungen sind die Institutionen von Frauen und die in der Frauenrevolution errungenen Prinzipien und Rechte. Während in den Fragen der militärischen Integration, der Ressourcen und der Infrastruktur Einigkeit erzielt wurde, bleiben die Rechte von Frauen im Abkommen weiterhin unerwähnt: Die Folgen des Abkommens für das Leben der Frauen sind noch immer ungewiss.

Doch es ist klar, dass die Errungenschaften der Frauenrevolution, die Errungenschaften von über 15 Jahren Kampf, nicht aufgegeben werden. Der Widerstand der Frauen von Rojava ist entschlossen.

Die Errungenschaften der Frauenrevolution

Die Rojava-Revolution basiert auf der Kommune als kleinste Einheit gesellschaftlichen Lebens und dem Prinzip der Frauenbefreiung. Ihr Ziel ist daher nicht die Machtergreifung, sondern die Entwicklung eines freien Lebens. Die Frauenbefreiung treibt diesen Wandel voran und erinnert die gesamte Gesellschaft stets an die Notwendigkeit sozialer Transformation.

Die Folgenden sind nicht nur Prinzipien der Frauenrevolution in Rojava, sondern allgemeine Prinzipien der Geschlechterbefreiung, die in Rojava und Nord- und Ost – Syrien Form annahmen.

1 Die Stimme von Frauen in der Politik: Das System des Ko-Vorsitz

Das System der Ko-Vorsitzenden bildet die Grundlage für die politische Selbstverteidigung der Stimme von Frauen in allen politischen Institutionen. Woraus besteht dieses System?

Als System geteilter Verantwortung in führenden Institutionen gewährleistet es die Achtung des Willens beider Geschlechter. Der Kern des Systems der gemeinsamen Vorsitzenden liegt nicht in der „Frauenquote“, sondern darin, dass keine einzelne männliche Person eine Machtposition innehat. Das in den Kommunen verwurzelte System der Ko-Vorsitzenden verhindert die Möglichkeit, dass patriarchale Denkweisen weiterhin an der Macht bleiben. Entscheidend ist darin nicht die Biologie, sondern die Sozialisation – und eine kollektive Führung in politischen Prozessen. Die Kommune ist der kleinste, aber wirkungsvollste Keim des demokratischen Systems. Sie manifestiert sich auf allen Ebenen und in allen Institutionen demokratischer Prozesse und wird stets von einem Mann und einer Frau gemeinsam geleitet. In diesem System bewahrt jede Person ihre Individualität und Einzigartigkeit, arbeitet aber gleichzeitig zusammen und gestaltet so gemeinsam Gegenwart und Zukunft.

Weltweit beschränken sich die im Namen der Frauenbefreiung erzielten Fortschritte oft auf systemische Anpassungen, wie Quoten oder gesetzliche Gleichstellungsklauseln. Diese Errungenschaften bleiben jedoch fragil innerhalb des männerdominierten Systems. Tatsächlich gehören Frauenrechte zu den ersten, die in Kriegs- oder Krisenzeiten gestrichen werden. Das Ko-Vorsitz-System in Rojava ist Teil einer Frauenrevolution mit all dessen Organisationen, Bildungsinitiativen und gemeinsamen Zielen.

Das System zielt darauf ab, soziale und politische Strukturen im Sinne von Gemeinschaft und Frauenbefreiung neu zu gestalten. In dem alle Geschlechter vom Patriarchat befreit werden, wird ein freies Zusammenleben geschaffen.

2 Autonome Organisation: Der Lymphknoten des Lebens

Die autonome Organisierung von Frauen wird derzeit im Rahmen des Verhandlungsprozesses vor allem im Zusammenhang mit den Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) diskutiert. Tatsächlich betrifft die autonome Organisierung aber alle Lebensbereiche, in denen die Frauenrevolution für konkrete Veränderungen kämpft. Von Wirtschaft und Politik bis Wissen, von Verteidigung bis zur Nachbarschaftsorganisierung: Frauen in Rojava organisieren sich und entwickeln ihre kollektive Stimme autonom, mit welcher sie den gesamten gesellschaftlichen Prozess prägen.

Hier geht es nicht darum sich zu seperatieren, ganz im Gegenteil: Da die Befreiung der Geschlechter die Grundlage einer befreiten Gesellschaft bildet, trägt der autonome Rahmen eine große Verantwortung für die gesamte Gesellschaft. Es ist die Aufgabe, ein freies Denken und einen freien Willen zu entwickeln, um den revolutionären sozialen Wandel anzuleiten, von dem alle Geschlechter profitieren. So ist das Prinzip der Autonomie auch ein Mechanismus der Selbstverteidigung, vor allem der Beziehungen zwischen Frauen gegen patriarchale Strukturen, und der organisatorischen Stärke der gesamten Frauenrevolution.

– Die Verteidigung der Frauen ist die Verteidigung der Gesellschaft: Autonomie der Selbstverteidigungskräfte.

Während des Frühlings des Aufbruchs, nach den Volksaufständen von 2011 und dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien, begannen sich die Menschen in Rojava, das noch immer unter der Kontrolle des Baath-Regimes stand, in verschiedenen Gebieten zu organisieren, da sie in der Selbstorganisierung eine Chance zur Revolution sahen. Und wo waren die Frauen?

In den Worten einer YPJ-Kommandantin, die sagte: „Mit Beginn der Revolution [in Syrien] standen das kurdische Volk und die kurdischen Frauen an vorderster Front. (…) Und mit der Gründung der YPJ und der Rojava-Revolution erkannten wir, dass wir nicht nur unterstützend, sondern auch eine organisatorische Kraft sein konnten.“

Die Gründung der YPJ erfolgte am 4. April 2013. Seitdem ist die YPJ weltweit bekannt für ihren Mut und ihre Entschlossenheit bei der Befreiung der vom sog. IS besetzten Gebiete und im Widerstand gegen die Invasion der türkischen Armee und ihrer dschihadistischen Banden. Wie ihr Name „Frauenverteidigungseinheiten“ (YPJ) bereits andeutet, ist die Hauptaufgabe der YPJ der Schutz von Frauen. Dies beschränkt sich nicht auf die bewaffnete Verteidigung gegen einen konkreten Feind, sondern umfasst ein umfassendes und ganzheitliches Selbstverteidigungskonzept für Frauen weltweit. Die YPJ beweist, dass Frauen, wo auch immer sie sind, die Fähigkeit und das Recht haben, sich gemeinsam zu verteidigen und damit ihr Land, ihr Volk und ihre Gesellschaft zu verteidigen.

Während all dieser Jahre der andauernden Revolution hat sich die gesamte Gesellschaft nach dem System der Kommunen organisiert, worin jeder und jede eine Rolle finden kann. Dies ändert sich auch in Kriegszeiten nicht; im Gegenteil, das Kommunensystem gewinnt in Krisenzeiten oft an Stärke, da die Menschen mehr Initiative und Verantwortung übernehmen, um die Verteidigung zu stärken.

Ein wichtiges Beispiel für zivile Verteidigungskräfte sind die HPC-Jin (Hêzen Parastina Cewherî-Jin, Frauenverteidigungskräfte), die seit über zehn Jahren in Rojava existieren. Anders als die YPJ gehören sie nicht den SDF (Syrischen Demokratischen Kräften) an und bestehen aus jungen und älteren Frauen, die die Verteidigung des Lebens – die Verteidigung der Gesellschaft – in ihren Vierteln organisieren.

Je mehr sich die Gesellschaft am Leben der Kommunen, Komitees, Räte oder anderer Institutionen beteiligt und die Organisation ihres Lebens selbst in die Hand nimmt, desto besser verstehen die Menschen, die Bedeutung davon, auszuharren und sich zu verteidigen, während ihr Land von gewaltsamen Kriegen angegriffen wird. Von Anfang an wurde dieser Prozess von Frauen angeführt.

Sie sollten nicht denken, dass wir Frauen brechen werden;

wir Frauen brechen nicht.

Wir werden immer Widerstand leisten und wir werden leben!“

– Autonomes Frauen-HPC-Bataillon, Qamişlo, Bezirk Korniş, benannt nach Şehid Ayaz Çiya, gegründet im Januar 2026 während des aktiven Krieges.

– Der uralte Keim der Gemeinschaft: Autonomie in der Wirtschaft der Kooperativen.

Eine demokratische und gemeinschaftliche Wirtschaft befreit das Leben von der Logik der Ausbeutung von Menschen, Land und Ressourcen. Wirtschaft und Gemeinschaftlichkeit können nicht voneinander getrennt werden und waren es auch nie in der Geschichte. In der Autonomen Selbstverwaltung Nord – und Ost – Syriens ist Wirtschaft ein komplexes Feld, da es ständig mit zahlreichen Hindernissen, wie verhängten Embargos, Ressourcenknappheit, Inflation und den Folgen des Krieges zu kämpfen hat. Der türkische Staat hat grundlegende Ressourcen, wie die Wasserversorgung, oft als Waffe gegen die Gesellschaft eingesetzt, indem er Flüsse aufstaute und wichtige Infrastruktur zerstörte.

Die hauptsächliche wirtschaftliche Tätigkeit in Nord-und Ost – Syrien basiert auf Landwirtschaft und Viehzucht. Es ist wichtig zu bedenken, dass die Politik des Baath-Regimes Rojava vierzig Jahre lang ein Modell intensiver Monokulturen aufgezwungen hat. Dorfbewohner:innen und Bäuer:innen mussten sich an strenge, vom Regime vorgegebene, Produktionspläne halten und damit Naturprinzipien, wie den Kreislauf der Jahreszeiten, die Artenvielfalt und ein ökologisches Gleichgewicht, missachten. Dies führte zu einer schwachen industriellen Entwicklung, enormen Umweltschäden und einem immensen Verlust an traditionellem Saatgut und Wissen. Diese Situation hat zu Verarmung geführt, nicht nur im Hinblick auf technisches Wissen, sondern auch auf Ernährung und damit Gesundheit: Langfristig gesehen ist dies ein Völkermord.

Jahrtausendelang bildeten kurdische Frauen das Herzstück der Landwirtschaft in ihren Gemeinschaften. Sie bewahrten Saatgut und uraltes Wissen, um die Landwirtschaft gemeinschaftlich zu organisieren. Ihr landwirtschaftliches Wissen war nicht nur technischer Natur, sondern tiefgreifend kulturell, spirituell und ökologisch. Insbesondere wurde ein gemeinschaftliches Wissen geschaffen und bewahrt. Die Frage war nun, wie diese Kultur, Mentalität und Produktionsweise wiederbelebt werden kann. Der Vorschlag hierfür ist ein gemeinschaftliches Wirtschaftssystem, dessen wichtigste Organisationsform Genossenschaften sind. Durch die Gründung von Strukturen wie dem Wirtschaftskomitee für Frauen wurden professionelle Bildungsprogramme für Frauen und konkrete Arbeitsmöglichkeiten geschaffen. Dies zielt nicht auf die wirtschaftliche Emanzipation des Einzelnen ab, sondern ermöglicht es, das Problem in Form von Genossenschaften an der Wurzel zu packen.

Wie ein kurdisches Sprichwort sagt: „Der Same der Freiheit wächst nur auf geteiltem Boden.“

Um die wirtschaftliche Abhängigkeit und Unterdrückung von Frauen zu überwinden, wurden autonome Frauenkooperativen gegründet, die das Selbstvertrauen von Frauen im Wirtschaftsbereich gestärkt haben. Eine dieser Kooperativen ist die „Kooperatifa Demsala Jinê – Frauen-Saisonkooperative“ in Haseke, die Konserven wie eingelegtes und getrocknetes Gemüse, Süßigkeiten, Marmeladen und Soßen herstellt. Sieben Frauen arbeiten zusammen und organisieren sich selbst. Die Jüngste trägt die Verantwortung für die Leitung der Kooperative: „Wir führen uns selbst“, sagt sie stolz. Der Aufbau einer autonomen Frauenkooperative ist, während das kapitalistische System weltweit die Gesellschaft – und insbesondere Frauen – durch wirtschaftliche Mechanismen unterdrückt, ein Kampf an sich.

Die Gehälter schwanken, weil es eine Kooperative ist, und deshalb haben viele Frauen gekündigt. Diejenigen, die bleiben, tun dies aus Überzeugung. Die Arbeit in einer selbstorganisierten Kooperative hat unser Leben und unser Denken verändert.

Wir treffen uns einmal pro Woche und besprechen alles gemeinsam.“

– Leitung der Kooperatifa Demsala Jinê, Hasekeh

-Gerechtigkeit durch gemeinschaftliches Leben: Das Frauengerechtigkeitssystem

Schon vor der Rojava-Revolution begannen Frauen, ein eigenes System sozialer Gerechtigkeit zu entwickeln, das auf den Prinzipien der Vermittlung und Mediation beruhte. Heute existiert in der Autonomen Selbstverwaltung einerseits, ein allgemeines Gerechtigkeitssystem und andererseits ein autonomes Frauengerechtigkeitssystem. Letzteres gliedert sich in verschiedene Strukturen, vom sogenannten Mala Jin (Frauenhäusern) bis hin zum Frauengerechtigkeitsrat.

Die Mala Jin (Frauenhäuser) sind in den Stadtvierteln als Anlaufstelle für gewaltbetroffene Frauen präsent, die dort Unterstützung suchen können. Ziel der Mala Jin ist es, die Probleme durch Mediationsprozesse zu lösen, in denen alle Konfliktparteien Gehör finden und die Möglichkeit erhalten, den sozialen Konflikt zu transformieren und eine ganzheitliche Lösung zu finden.

Vor Beginn der Revolution löste die Gesellschaft ihre Probleme selbst, doch die Rolle der Frauen war nur klein. Männer hatten meist das Sagen und entschieden alles. Es gab zwar ein Justizministerium des Baath-Regimes, aber die Menschen wandten sich nicht an den Staat. Sie sagten: ‚Wir lösen die Probleme der Gesellschaft selbst.‘ Doch was geschah? Die Rechte der Frauen wurden nicht berücksichtigt; man urteilte nach Gewohnheit. Als dann die Revolution begann, brachen die Frauen wie ein Vulkan hervor. Wegen der Familie, der Plünderungen und Morde, aus Liebe zur Revolution – all das machte die Frauen wütend. Und wozu führte diese Wut? Sie konnten nicht mehr so ​​leben wie zuvor. Sie konnten die Art und Weise, wie Männer Recht sprachen, nicht länger akzeptieren.“

– Heval Newroz, Frauengerechtigkeitsrat

Eine weitere wichtige Errungenschaft der Frauenrevolution sind die Frauengesetze, die bereits 2014 auf Vorschlag des Frauengerechtigkeitsrates verabschiedet wurden. Diese Gesetze verbieten, unter anderem, Kinder- und Zwangsehen, Polygamie, Ehrenmorde und Gewalt gegen Frauen.

Gesetze sind wichtig, um einen allgemeinen und offiziellen Rahmen zu schaffen, doch es ist klar, dass sich ihre Umsetzung an die gesellschaftlichen Gegebenheiten anpassen muss, da sie von der Gesellschaft verstanden und akzeptiert werden müssen. Tatsächlich wurden diese Frauengesetze mit dem Ziel entworfen, die Entwicklung ethischer Werte zu fördern, indem Bildung und Debatte im Vordergrund stehen, damit die Menschen selbst solche Praktiken ablehnen, die Frauen und der Gesellschaft schaden.

Dass Frauen sich selbst und ihre Stärke kennenlernen, ihre Rechte einfordern und ihre Kämpfe vortragen, hatte in den letzten 15 Jahren der Revolution tiefgreifende Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft von Rojava.

Durch das Vorantreiben sozialer Transformationsprozesse durch Frauen wurden auch ihre Ehemänner, Väter und Söhne in die Verantwortung genommen, ihre Beziehungen und ihr Verhalten zu reflektieren. Dies eröffnete auch den Männern die Möglichkeit, sich zu befreien, neue Formen des sozialen Lebens und neue Identitäten zu finden, von denen alle Geschlechter profitieren. Dies ist selbstverständlich ein nie endender Prozess.

Wir alle wissen, dass die Frauen in der Euphratregion lange unter schlimmsten Formen von Ungerechtigkeit, Unterdrückung und patriarchalischen Denkweisen gelitten haben. Wir können derzeit keinesfalls behaupten, vollständig von der männlichen Mentalität und der gegen Frauen gerichteten Ungerechtigkeit befreit zu sein. Wir haben noch nicht alle notwendigen Probleme gelöst. Aber wir können sagen, dass wir einen kleinen Teil erreicht haben.“

– Maryam Ibrahim, Sprecherin der Frauenverwaltung von Raqqa, in „Blühen in der Wüste“ (Argentieri, 2020)

– Freies, kollektives Leben: Jinwar, das Frauendorf.

Das Frauendorf Jinwar ist ein Ort, an dem Frauen mit ihren Kindern zusammenleben. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte, die sie dorthin geführt hat. Einige Frauen kamen nach dem Verlust ihres Ehemannes ins Dorf, andere, um sich selbst in einem reinen Frauendorf weiterzuentwickeln. Für manche bedeutete der Schritt nach Jinwar zu gehen, einen Bruch mit gewalttätigen Beziehungen und patriarchalen Familienstrukturen, nachdem sie in ihren Familien Gewalt erlebt hatten.

Das Dorfleben ist selbstorganisiert in einer demokratischen und gemeinschaftlichen Struktur. Die Selbstversorgung erfolgt durch Landwirtschaft und Handarbeitsprojekte, und die Frauen bilden sich durch Bildung weiter, ebenso wie die Kinder in der Dorfschule.

Jinwar ist ein ganzheitliches Projekt. Das Dorf besteht aus etwa 45 Lehmhäusern, die in der traditionellen Bauweise der Region errichtet wurden. Im Zentrum befindet sich eine große Gemeinschaftsküche. Zum Dorf gehören außerdem eine Grundschule, eine Frauenakademie, das Gesundheitszentrum Şîfa Jin (Frauenheilzentrum), eine Bäckerei und landwirtschaftliche Flächen. Ein Ort wie dieser, ein völlig autonomer Raum, ist ein Ort der Stärke für die gesamte Frauenrevolution.

– Von Frauenkörpern, über Frauengesundheitszentren, bis hin zur Naturheilkunde

Im Gesundheitswesen zählt die Wiederentdeckung und Erweiterung des Wissens über Naturheilkunde und ganzheitliche Heilmethoden zu den wichtigsten Errungenschaften von Frauen. Gesundheit ist der Spiegel der Gesellschaft und damit auch der Unterdrückung, die wir – insbesondere als Frauen – erleiden. Für eine gesunde Gesellschaft sind bewusste und freie Beziehungen unerlässlich. Sich der eigenen Existenz und des eigenen Körpers bewusst zu sein und eine liebevolle Beziehung zu diesem und der Umwelt aufzubauen, ist eine wichtige Form der Selbstverteidigung. Selbstverteidigung im biologischen Sinne, um für den eigenen Körper sorgen zu können, aber auch im mentalen und zwischenmenschlichen Sinne, um die Entfremdung zu überwinden, die viele Frauen ihrem Körper gegenüber empfinden.

Das Zentrum „Şifa Jin – Frauenheilung“ im Frauendorf Jinwar ist einer der Orte in Rojava, an denen Naturheilkunde praktiziert wird. Neben Behandlungs- und Beratungsräumen gibt es dort auch einen Garten, in dem Heilkräuter angebaut werden.

Ziel ist es, traditionelles Wissen über Naturheilkunde zu sammeln und wiederzubeleben und es mit modernen medizinischen Erkenntnissen und Behandlungsmethoden zu verbinden. Die Gesundheitsversorgung basiert auf einem ganzheitlichen Verständnis des Zusammenhangs zwischen sozialen und psychischen Faktoren bei der Entstehung von Krankheiten, da viele Krankheiten durch patriarchale Gesellschaftsstrukturen, Gewalt, Stress, Krieg, Vertreibung und Armut verursacht werden.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt darauf, das Bewusstsein der Frauen für ihren eigenen Körper und die Ursachen ihrer Schmerzen zu stärken, um ihre Selbstbestimmung zu fördern und sie darin zu unterstützen, Lösungen zu finden. Eine Spezialität des Zentrums ist die Unterstützung von Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Kinderbetreuung.

Ein Großteil des gesammelten Wissens stammt von älteren Frauen, die es von ihren Müttern und Großmüttern weitergegeben bekommen haben. Die Wiederbelebung des Wissens über den weiblichen Körper und die Reproduktion, welches in der Geschichte gewaltsam geraubt wurde, ist eine konkrete Form des Widerstands gegen die Angriffe des herrschenden patriarchalen Systems auf Frauen.

3 Zu sich selbst finden durch Wissen und Bildung

In Schulen und Universitäten weltweit werden die Lebensrealitäten von Frauen im Geschichtsunterricht ausgeblendet. Geschichte wird als Abfolge von Herrschern und Kriegen vermittelt, ohne Bezug zur Lebensrealität der Gesellschaft und insbesondere der Frauen herzustellen. Auch in der Anatomielehre wird die patriarchale Norm des weißen, männlichen Körpers gelehrt.

Die Lernmethoden an den Akademien der Autonomen Verwaltung unterscheiden sich stark von denen herkömmlicher Bildungseinrichtungen und Universitäten. Entfremdet von unserer Geschichte, unserem Körper und unserer Wahrheit, findet die gesamte Gesellschaft, insbesondere die Frauen, durch Wissen zu sich selbst.

In den Schulen und Universitäten von Rojava basiert der Lehrplan auf der Erkenntnis der Macht des Wissens. Tatsächlich handelt es sich um einen Lehrplan, der in der Muttersprache jedes Kindes unterrichtet wird und dazu beiträgt, dass die Kinder und Jugendlichen sich ihrer selbst bewusst werden, anstatt sie durch quantitatives Wissen zu entfremden.

Durch Initiativen der Frauenbewegung wurde Bildung nicht nur Teil des Lebens in den Nachbarschaften, sondern auch ein integraler Bestandteil des Arbeitslebens in Institutionen. Durch Bildung entwickeln Frauen sich selbst und ihre Fähigkeiten weiter, knüpfen an ihre Geschichte an und gewinnen an Stärke und Selbstvertrauen. Damit wird die Grundlage für einen mentalen Wandel geschaffen.

– Jineolojî: die Wissenschaft der Revolution

Als Wissenschaft von Frauen und Leben ist Jineolojî zu einer tiefen Wurzel der Frauenbewegung geworden. Im Kontext der Revolution generiert Jineolojî Wissen und ist eine Wissenschaft, die mit dem Bedürfnis der Gesellschaft und der Frauen nach Selbsterkenntnis und Lebensverständnis verbunden ist – und nicht, wie die meisten Wissenschaften, Wissen im Dienste von Systemen und Herrschenden hervorbringt und so die Menschen entfremdet. Durch Forschung und ideologische Arbeit wurde das Verständnis des Geschlechterwiderspruchs, der die Grundlage unseres Freiheitskampfes und des sozialen Wandels bildet, vertieft. Verborgene Teile der Geschichte, wie die Muttergöttinnen und ihre Werte, die lange Kette des Widerstandes von Frauen, die Hexen und ihre Wahrheit über Fortpflanzung und Leben, werden wiederentdeckt und verbreitet.

Wie konnte sich der Mensch so sehr von der Natur und sich selbst entfremden?

Wie konnte sich Mann und Frau so sehr voneinander entfremden?

Wie konnte Gewalt zu einer so ungezähmten Kraft in unserer Welt werden?

Die Antworten dieser Fragen bringen uns der Entwicklung einer neuen Verbindung zur Natur, einem authentischen Mensch-sein in einer moralischen und politischen Gesellschaft und der Entfaltung wahrer Freundschaft und Liebe zwischen allen Geschlechtern näher. Um der kapitalistischen Moderne entgegenzuwirken, bedarf es gemeinsamer Analysen und ganzheitlicher Perspektiven, um Ethik, Gemeinschaft, soziale Gerechtigkeit, Selbstverteidigung, Politik, Ökologie, Ökonomie und Organisationssysteme ebenso wie Liebe und politisch-revolutionäre Freundschaft (Hevaltî) neu zu denken.

Jineolojî sagt uns, wer wir sind und erinnert uns eindringlich daran, warum wir „Women Defend Rojava – Frauen, die Rojava verteidigen“ sind und warum die Errungenschaften und Prinzipien der Frauenrevolution uns so wichtig sind.

Nun ist die Zeit, die Errungenschaften der Frauenrevolution Rojavas und Nord – und Ost -Syriens zu verteidigen!

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