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Liebe Freund:innen,
wir melden uns aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution.
Rojava liegt in Nord- und Ostsyrien. Seit 2013 leben die Menschen hier eine Revolution und organisieren sich in Kommunen, Räten und Frauenstrukturen. Sie bauen hier das Gesellschaftsmodell des demokratischen Konföderalismus auf.
Das Konzept des demokratischen Konföderalismus wurde von Abdullah Öcalan, dem Präsidenten der Freiheitsbewegung in Kurdistan, entwickelt. Der Begriff bezeichnet ein basisdemokratisches Verwaltungssystem, das nicht staatlich kontrolliert wird, sondern eine Demokratie von der Gesellschaft ausgehend aufbaut. Eine wichtige Säule dieser Gesellschaftsform ist die Selbstbestimmung und Befreiung der Frau.
1. Mai
Viele Menschen demonstrieren am 1. Mai, dem internationalen Tag der Arbeiter:innen. Um eine vereinte Kraft aufzubauen, müssen wir in die Geschichte schauen, um zu verstehen, auf welchem Erbe unser Kampf aufbaut, wo wir uns verorten und wer wir sind.
Um dies zu verstehen, brauchen wir auch eine fundierte Analyse der politischen Lage sowie der patriarchalen und kapitalistischen Machtstrukturen. Wenn wir auf die Geschichte des 1. Mai blicken, sehen wir einen Kampf, der bereits 1886 begann und eine noch ältere gesellschaftliche Tradition fortführt.
Die Traditionen der Arbeiter:innenbewegung und des Sozialismus finden heute ihren lebendigen Ausdruck in der Frauenrevolution in Rojava. Anlässlich des 1. Mai wollen wir diese Kämpfe weltweit verbinden und eine Brücke schlagen.
Die Initiative für die nationale Einheit der kurdischen Frauen in Europa veröffentlichte zu diesem Anlass eine Erklärung zur Situation der kurdischen Frauen. Sie stellten den 1. Mai in Zusammenhang mit dem Kampf um Freiheit und Identität.
Sie betonten, dass die Lebensrealität kurdischer Frauen nicht auf Armut, Arbeitslosigkeit und Unsicherheit reduziert werden kann, sondern im Kontext struktureller Unterdrückung und politischer Gewalt gesehen werden muss. Neben ökonomischer Ausbeutung betreffen diese auch ethnische Diskriminierung, Militarisierung, Vertreibung, Sprachverbote und Bildungsungleichheit. Daraus entstehe eine doppelte Belastung, die sowohl im patriarchalisch-kapitalistischen System als auch in der Assimilationspolitik der Nationalstaaten verankert sei:
„Der Kampf um Arbeit ist für kurdische Frauen zugleich ein Kampf um Identität, Freiheit, Gleichheit und ein Leben in Würde.“
Mit Bezug auf die kurdische Frauenbewegung heißt es weiter: „Gemeinsam mit Jin, Jiyan, Azadî ist es an der Zeit, die Solidarität für Freiheit und Gerechtigkeit zu stärken. Bijî Yek Gulanê!“
Anerkennung der eigenen Muttersprache
Am Donnerstag versammelten sich tausende Menschen auf den Straßen Qamişlos und demonstrierten für die Anerkennung der kurdischen Sprache in der syrischen Verfassung sowie in Institutionen und im Bildungssystem.
Viele Frauen und vor allem Kinder hielten Plakate in die Höhe, auf denen Slogans wie „Unsere Sprache ist unsere Existenz und Identität“ oder „Unsere Sprache ist unser Recht“ standen. Während des Marsches riefen die Menschen geschlossen: „Ohne Sprache kein Leben.“
Die Verteidigung der eigenen Sprache bedeutet die Verteidigung der eigenen Identität und Kultur.
Kultur entsteht durch Menschen und wird überall dort geschaffen, wo Menschen zusammenkommen. In der Geschichte wurde Kultur stark über Sprache vermittelt: Menschen kamen zusammen, erzählten Geschichten und gaben so wertvolles Wissen über Gesellschaft, Natur und Zusammenleben weiter.
Semêra Hecelî, Ko-Vorsitzende der Bildungsbehörde der Selbstverwaltung, verwies auf die Geschichte des kurdischen Sprachkampfes und die damit verbundenen Gefallenen:
„Unsere Gefallenen haben mit ihrem Blut die Buchstaben der kurdischen Sprache geschrieben.“
Zum aktuellen Stand des Integrationsabkommens erklärte sie:
„Wir werden weiter dafür arbeiten, dass unsere Sprache in der Verfassung verankert wird. Weniger als zwei Stunden Unterricht pro Woche akzeptieren wir nicht.“
Theaterprobe in Hesekê
Die Bedeutung von Selbstverteidigung und Kunst wurde besonders bei unserem Besuch in Hesekê im Gemeinschaftszentrum für Kunst und Kultur deutlich. Dort probt die Theatergruppe junger Frauen unter der Leitung der Lehrerin Fatma. Sie bereiten ein Stück vor, das im Rahmen der Kampagne „WeAreAllYPJ“ aufgeführt wird.
Das Stück erzählt die Geschichten von Kämpferinnen der Frauenverteidigungseinheiten (YPJ). Die Schauspielerinnen erschaffen durch ihre Mimik und Körperhaltungen eindrucksvolle Bilder. Dargestellt werden unter anderem die Kämpfe gegen den IS in Şengal, Raqqa und Kobanê.
Das mutige Handeln für den freien Willen der Frauen wird von den Darstellerinnen eindrucksvoll verkörpert.
Die YPJ bedeutet physischen Schutz vor patriarchaler Gewalt und stärkt zugleich die Identität der Frauen. In der aktuellen Phase des Integrationsabkommens steht sie außerdem für die Sicherung von Vielfalt, Frauenrechten und Demokratie.
Wenn die YPJ nicht anerkannt wird, wird es keine echte Demokratie in Syrien geben.
YPJ-Kampagne
Die YPJ-Kampagne wurde von Frauenstrukturen und der YPJ selbst ins Leben gerufen und soll das Recht auf eine eigenständige Frauenverteidigungsstruktur sichern. Die YPJ darf nicht aus der allgemeinen syrischen Armee ausgeschlossen werden. Die Demokratie in Syrien muss geschützt werden.
Die Kampagne ruft dazu auf, sich aktiv zu beteiligen. Es wird dazu aufgerufen, ein Solidaritätsvideo einzusenden oder sich an der Hashtag-Aktion zu beteiligen. Inhalte wie Broschüren, Statements, Briefe und Aktionen sollen über soziale Netzwerke geteilt und verbreitet oder durch eigene Beiträge ergänzt werden.
Zudem wird dazu aufgerufen, Veranstaltungen, Seminare und Aktionen zu organisieren sowie über die Geschichte, den Kampf und die Bedeutung der YPJ und die Errungenschaften der Frauenrevolution zu informieren, insbesondere zum Thema Selbstverteidigung. Auch kreative Beiträge wie Filmvorführungen, Kunstaktionen, Theater oder Musik werden als besonders wichtig hervorgehoben.
Am 9. Mai wird es ab 19 Uhr (mitteleuropäischer Zeit) eine Hashtag-Kampagne mit #WeAreAllYPJ geben. Schließt euch an und teilt den Hashtag.
Frühlingsfest an der Universität
In den letzten Tagen veranstalteten die Studierenden der Universität Rojava ein Frühlingsfest.
Im Mittelpunkt standen kulturelle und künstlerische Aktivitäten, gleichzeitig wurde die gesellschaftliche Beteiligung junger Menschen sichtbar gemacht. Etwa 1500 Studierende lernen hier auf Kurdisch in verschiedenen Fachbereichen.
Bei Sonnenschein kamen Studierende, Lehrende und Kulturschaffende zusammen, tanzten Govend, trugen Gedichte vor und gestalteten ein vielfältiges Musikprogramm. In Redebeiträgen wurde betont, dass Universitäten nicht nur Orte der Wissensvermittlung sind, sondern auch Räume für kulturellen Ausdruck und gesellschaftliches Engagement.
Die Kunststudierenden stellten Werke aus den letzten Semestern aus und kuratierten eine Ausstellung. Bilder mit farbenfrohen Landschaften, Stillleben, eingefangenen Situationen und Porträts erzählten Geschichten der Studierenden. Dabei wurden sowohl die Schönheit der Natur als auch gesellschaftliche Themen und Widerstand aufgegriffen.
Das Highlight des Festes waren die Spiele im Innenhof der Universität. Verschiedene Gruppen traten im Tauziehen und Staffellauf gegeneinander an. Die Zuschauer:innen genossen die gemeinsame Atmosphäre und den kollektiven Geist.
Und damit revolutionäre Grüße aus Rojava.

