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Liebe Freund:innen,
wir melden uns mit einem wöchentlichen Update aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution.
Rojava liegt in Nord- und Ostsyrien. Seit 2013 leben die Menschen hier eine Revolution und organisieren sich in Kommunen, Räten und Frauenstrukturen. Sie bauen das Gesellschaftsmodell des demokratischen Konföderalismus auf.
Das Konzept des demokratischen Konföderalismus wurde von Abdullah Öcalan, dem Präsidenten der Freiheitsbewegung Kurdistans, entwickelt. Der Begriff bezeichnet ein basisdemokratisches Verwaltungssystem, das nicht staatlich kontrolliert wird, sondern Demokratie aus der Gesellschaft heraus aufbaut. Eine wichtige Säule dieser Gesellschaftsform ist die Selbstbestimmung und Befreiung der Frau.
Familiengesetz ehemals Frauengesetz
Ein großes Thema, welches die Gesellschaft momentan sehr beschäftigt und das gerade in den Verhandlungen zwischen der syrischen Übergangsregierung und der Autonomen Selbstverwaltung diskutiert wird, ist die Frage von Justiz und Gerechtigkeit.
Die Autonome Selbstverwaltung hat ihr eigenes Justizsystem, welches unter anderem ein Frauen- bzw. Familiengesetz beinhaltet.
Das Frauengesetz wurde 2014 beschlossen und schreibt die Rechte von Frauen und Kindern fest. Es beinhaltet 30 Prinzipien und basiert auf einem Bewusstsein für den Aufbau einer demokratischen, ökologischen Gesellschaft auf Grundlage der Frauenbefreiung.
Wir müssen uns das so vorstellen, dass im Zentrum der Gesellschaft nicht das Individuum steht, sondern die Gemeinschaft. Diese Herangehensweise ist in einer kapitalistischen Gesellschaft kaum vorstellbar und kann nur mit einer hohen Moral und Ethik funktionieren.
Die Vorsitzende des Frauenausschusses, Emîne Omer, beschreibt den Beginn ihrer Arbeit mit den Worten:
„Zu Anfang waren wir nur wenige Frauen, die bereit waren, die Last der Verantwortung auf sich zu nehmen. Wir hatten noch nicht einmal eigene Räume, aber wir haben uns mit großer Freude an die Arbeit gemacht. Um die Gewalt gegen Frauen zu stoppen, haben wir als Erstes Frauenzentren, ‚Mala Jin‘, Frauenberatungs- und Solidaritätszentren für rechtliche und soziale Probleme von Frauen, aufgebaut.“
Prinzipien
Die 30 Prinzipien schaffen eine gesetzliche Grundlage, die politische Rechte durch den Ko-Vorsitz sowie autonome Frauenorganisierung sichert.
Das Gesetz beinhaltet die gleiche Entlohnung von Männern und Frauen sowie ein Verbot jeglicher Form von Sexismus und Gewalt gegen Frauen. Es wurde zur Pflicht aller erklärt, gegen herrschende und rückschrittliche Einstellungen anzukämpfen.
Gewalt, die durch islamisches Gewohnheitsrecht legitimiert wird – wie beispielsweise die Verheiratung Minderjähriger, gegen den Willen von Frauen arrangierte Ehen, polygame Ehen von Männern, das einseitige Scheidungsrecht der Männer oder die Ungleichbehandlung von Frauen bei der Verteilung des Familienerbes oder bei Zeugenaussagen vor Gericht – ist verboten.
Täter sogenannter „Ehrenmorde“ erhalten keine „straferleichternden Umstände“ mehr zugesprochen – wie es im syrischen Strafrecht der Fall ist –, sondern werden entsprechend der allgemeinen Gesetzgebung für Mord bestraft. Das „Brautgeld“ wird abgeschafft, da es Frauen zur Ware macht. Bei Gerichtsverfahren, die die privaten Rechte von Frauen und das Familienrecht betreffen, muss eine Vertreterin von Fraueneinrichtungen in beratender Funktion anwesend sein.
Diese Errungenschaft der Frauenrevolution ist nun akut bedroht. Die syrische Übergangsregierung lehnt das Frauengesetz, das seit 2021 Familiengesetz genannt wird, ab und prüft derzeit, welche Gerichtsurteile die Justiz der Autonomen Selbstverwaltung in den letzten zwölf Jahren gefällt hat und ob diese dem syrischen Gesetz entsprechen.
Verhandlungen
Betrachten wir die bisherigen Entwicklungen der Verhandlungen, können wir feststellen, dass die Übergangsregierung bislang keine Frauenrechte sichert.
Das Ko-Vorsitzenden-System wird nicht fortgeführt, Frauen sind nicht in den Verwaltungsämtern vertreten, und auch die YPJ als Frauenverteidigungseinheit soll nicht anerkannt werden.
Nach den neuesten Angaben von Mazlum Abdi, dem Ko-Vorsitzenden der Autonomen Selbstverwaltung, sollen nun Listen erstellt werden, die zumindest die Arbeitsplätze der Richter aus Rojava sichern sollen. Diese sollen von der Übergangsregierung anerkannt werden.
Außerdem plant die syrische Übergangsregierung, dass alle Menschen, die im Justizsystem arbeiten, einen entsprechenden Abschluss benötigen. Das bedeutet, dass viele Personen ihre Arbeit verlieren könnten, obwohl sie durch praktische Einarbeitung und langjährige Erfahrung qualifiziert sind.
Kurdische Sprache
Ein weiteres Thema, das sehr präsent im Alltag ist, sind die Verhandlungen um die Anerkennung der kurdischen Sprache sowie aller Minderheitensprachen.
Zuletzt hatte die syrische Übergangsregierung das Schild der Justiz in Hesekê, welches auf Arabisch und Kurdisch beschriftet war, ausgetauscht.
Das neue Schild enthielt nur noch die Arabische und Englische Sprache.
Dieser Akt der schleichenden Verdrängung und Ersetzung zeigt die wahre Mentalität des Staates. Anwaltskammern werfen Damaskus die Marginalisierung der kurdischen Sprache vor.
Tausende Menschen versammelten sich vor den Justizgebäuden in Hesekê und Qamişlo und protestierten gegen die Ablehnung kultureller und sprachlicher Rechte der Kurd:innen in Syrien. Sie verurteilten die Entfernung kurdischer Schriftzüge.
Nach letzten Angaben von Mazlum Abdi soll das neue Schild nur vorübergehend hängen bleiben und in anderen Städten wieder arabisch-kurdische Beschilderungen angebracht werden.
In den Städten Dêrik und Tirbespiyê gingen Hunderte Schüler, Lehrkräfte und Einwohner für die Anerkennung der kurdischen Sprache in Syrien auf die Straße.
Die Demonstrierenden forderten, dass Kurdisch in einer neuen syrischen Verfassung als offizielle Muttersprache anerkannt und Bildungsrechte dauerhaft abgesichert werden.
Die Teilnehmenden trugen Transparente mit Aufschriften wie:
„Unsere Sprache ist unsere Identität“,
„Sprache ist eine rote Linie – wer sie ignoriert, verliert seine Legitimität“
sowie
„Jedes kurdische Wort ist eine Geschichte“.
Während des Marsches wurden immer wieder Parolen wie „Bê ziman jiyan nabe“ („Ohne Sprache kein Leben“) gerufen.
Auch die Rojava-Universität stellt dieselben Forderungen. Mit einem Protestzug durch Qamişlo forderten Studierende und Lehrkräfte der Universität die offizielle Anerkennung der kurdischen Sprache in Syrien.
Gefangenenaustausch
In den letzten Tagen waren in Qamişlo und Hesekê viele Schüsse zu hören und Feuerwerk zu sehen. Die Schüsse gelten als Freudenschüsse, mit denen die freigelassenen Geiseln aus der Gefangenschaft der syrischen Übergangsregierung in den Städten empfangen wurden.
Insgesamt wurden 232 Personen freigelassen, darunter Sicherheitskräfte der Autonomen Selbstverwaltung und Zivilist:innen.
Familienangehörige und Freund sind erleichtert. Seit Monaten, manche sogar seit Jahren, lebten sie in ständiger Ungewissheit darüber, ob ihre Kinder unter den Geiseln sind, ob sie noch leben, wie es ihnen geht und wie sehr sie gefoltert werden.
Seit der Offensive im Januar galten rund 4.000 Menschen als vermisst. 1.032 wurden mittlerweile freigelassen. Die übrigen Menschen gelten weiterhin als vermisst oder als gefangen gehalten.
Wöchentlich geht die Gesellschaft auf die Straße und demonstriert für die Freilassung ihrer Kinder. Diese Demonstrationen sind sehr kraftvoll. Sie werden von der Gesellschaft selbst organisiert und bringen Trauer und Wut zum Ausdruck.
Şehîd Mizgîn
Am 11. Mai wurde in ganz Kurdistan und weltweit der Vorkämpferin Şehîd Hozan Mizgîn gedacht.
Hozan Mizgîn wurde mit ihrem Leben, ihrem Kampf und ihrem Widerstand zum Symbol der Märtyrerinnen der Kultur- und Kunstbewegung. Sie wurde zur Stimme der kurdischen Wahrheit.
1980 schloss sie sich dem Freiheitskampf Kurdistans an. Sie unterstützte die Ideen des kurdischen Volksführers Abdullah Öcalan von ganzem Herzen und reiste in den Libanon, um ihn zu treffen.
Tûrêj Roj, der in der kurdischen Kulturkommune Tev-Çand aktiv ist, beschreibt sie als eine Persönlichkeit, „mit deren Stimme wir seit unserer Kindheit aufgewachsen sind“.
„Sie war nicht nur eine Künstlerin, sondern zugleich eine Kommandantin, die in den Bergen eine führende Rolle einnahm“, sagt er.
Als eine der ersten Frauen führte sie den Kampf gegen die Unterdrückung der Frauen im Mittleren Osten öffentlich. Sie spielte als eine von wenigen Frauen Musikinstrumente und sang öffentlich auf Kurdisch. Sie war Vorreiterin einer Kunst gegen die Assimilierung durch den türkischen Staat.
Das Spielen von Musikinstrumenten und das Singen auf Kurdisch waren in der Türkei insbesondere für Frauen verboten. Auch heute gibt es noch Repressionen gegen die kurdische Sprache.
Genossin Mizgîn sagte einst:
„Ich werde niemals meine Kleidung oder meine kurdische Kultur aufgeben. Ich werde niemals etwas tun, was mein Volk beunruhigen würde, noch werde ich mich solchen Dingen annähern.“
Hozan Mizgîn spielte eine zentrale Rolle beim Schutz der kurdischen Sprache und Kultur gegen staatliche Assimilationspolitik. Sie arbeitete nicht nur künstlerisch, sondern wirkte zugleich am Aufbau kultureller Strukturen wie Koma Berxwedan mit.
Sie prägte einen Kunst- und Musikstil für ganz Kurdistan. Sie besaß die revolutionäre Fähigkeit, aus dem Nichts etwas erschaffen zu können.
„Besonders ihre Stimme hat bis heute eine tiefe Wirkung auf viele Menschen“, sagt Tûrêj Roj.
„Wenn ich ihre Stimme heute höre, erkenne ich darin das Geheimnis von Revolution und Freiheit. Diese Stimme trägt den Schmerz, die Hoffnung und die Geschichte unseres Volkes in sich.“
YPJ-Kampagne
Zum Schluss rufen wir euch dazu auf, an der Solidaritätskampagne zur Anerkennung der Frauenverteidigungseinheiten YPJ innerhalb der syrischen Armee teilzunehmen.
Die YPJ ist ein Grundbaustein in den Verhandlungen zur Sicherung der Frauenrechte und Institutionen in ganz Syrien. Ohne die YPJ wird es keine Demokratie in Syrien geben.
Daher sendet uns Solidaritätsvideos oder schreibt uns Briefe darüber, was die YPJ für euch und eure Kämpfe überall auf der Welt bedeutet.
Tragt die Bedeutung der YPJ in die Gesellschaft, zu euren Nachbar und an eure Arbeitsplätze. Redet über die Wichtigkeit von Demokratie in Syrien und über Frauenrechte weltweit. Teilt euer Wissen und eure Meinung.
Mehr Informationen findet ihr auf der Website von Women Defend Rojava.
Und damit schicken wir euch revolutionäre Grüße aus Rojava.

