Die Frauenselbstverteidigungseinheiten YPJ verhandeln aktuell mit der syrischen Übergangsregierung über ihr Weiterbestehen als eigenständige Frauenarmee. Nach mehreren Wochen des Kriegs der syrischen Übergangsregierung gegen die autonome Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens wurde am 29. Januar diesen Jahres ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnet, was die Integration des Militärbündnisses Demokratische Kräfte Syriens SDF in die syrische Armee festhielt. Doch obwohl die YPJ Teil der SDF sind, akzeptiert die syrische Übergangsregierung ihre Integration in die syrische Armee nicht.
Die Kampagne „Wir sind alle YPJ – Selbstverteidigung ist unser natürliches Recht!“ unterstützt die YPJ international in ihren Forderungen. Der Artikel basiert auf einem Online- Gespräch mit YPJ-Komandantin Newroz Ahmed und Emîne Osê, Mitglied des Diplomatie-Komitees von Kongra Star. Er gibt Einblicke in die aktuellen Integrationsgespräche, erklärt die Haltung der YPJ vor dem Hintergrund der Revolution in Nord- und Ostsyrien und beschreibt die Lage der Frauen in Syrien und Rojava nach dem Krieg im Januar.
Die YPJ wurde auf der Grundlage des freien Willens der Frauen gegründet
Die YPJ haben sich als autonome Frauenverteidigungseinheiten 2013 gegründet. Seitdem haben sie an verschiedenen Militäroperationen gegen unterschiedliche islamistische Gruppierungen und Milizen teilgenommen. Im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) hatten sie eine zentrale Rolle inne und wurden mit ihrem Mut und Widerstandsgeist Vorbild für Frauen weltweit, die sich für Selbstbestimmung und Frauenbefreiung einsetzen. Eine Leitline im Aufbau der YPJ war es, dass Frauen basierend auf ihrem freien Willen eine Organisation aufbauen, die ihnen ermöglicht, sich und ihre Gesellschaft gegen patriarchale und islamistische Gewalt zu verteidigen. In ihren Strukturen kämpfen nicht nur kurdische Frauen, sondern ebenso Armenierinnen, Assyrerinnen, Syriakerinnen und Araberinnen.
Die Kämpferinnen der YPJ haben in den vergangenen 13 Jahren nicht nur militärisch wichtige Erfahrungen in der Selbstverteidigung gegen Islamismus und patriarchale Gewalt gemacht. Die YPJ hat – als eine Errungenschaft der Frauenbewegung Rojavas gezeigt- , dass es nicht das Schicksal von Frauen sein muss, Zuhause zu bleiben und sich um Mann und Kinder zu kümmern. Sie haben nicht nur militärisch moralische Standards gesetzt und abgesichert, sondern auch in der Gesellschaft die Vorstellung davon verändert, wie eine Frau zu sein hat und was sie tun und aufbauen kann.
Die Errungenschaften der Frauenbewegung in Nord- und Ostsyrien – die aktive Partizipation und Mitbestimmung von Frauen in allen Bereichen, in der Wirtschaft, im politischen und sozialen Bereich, abgesichert durch das Co-Vorsitzenden System, werden von der YPJ verteidigt und gleichzeitig von ihr weiter vorangebracht. In den letzten Jahren haben tausende Kämpferinnen für all das ihr Leben gegeben. Auf den Schultern der Kämpferinnen in den Reihen der YPJ liegt weiterhin eine große Verantwortung, die sie seit über einem Jahrzehnt mit viel Mut und Widerstandsgeist tragen.
Integration geht mit einem Kampf gegen die patriarchalischen und islamistischen Mentalität der syrischen Armee einher
Wird die YPJ nicht formal in die Armee integriert, kann sie nicht weiter existieren. Unter dem Begriff „syrischer Armee” stellen wir uns jedoch fälschlicherweise eine einheitliche Staats-Armee bzw. Institution vor. Im Namen der syrischen Armee verbinden sich verschiedene Milizen und Banden, die teils unter dem Einfluss regionaler Staaten wie der Türkei stehen. Sie alle vereint eine patriarchale und islamistische Mentalität, die die kulturelle Vielfalt Syriens und Frauen weder repräsentiert noch duldet.
Eine wichtige Errungenschaft der YPJ in den letzten Jahren war es, ethische Standards in der Kriegsführung abzusichern. Die YPJ versteht sich als Verteidigungs- und nicht als Angriffsarmee. Die Herangehensweise gegenüber der Gesellschaft und auch feindlichen Kämpfern leitet sich aus diesem Grundsatz ab. Zur vorherrschenden Mentalität der syrischen Armee sagt Newroz Ahmed „Die Armee ist eine Machtinstanz in den Händen der Regierung, des Staates, die oft mit Mittel der Gewalt in Verbindung steht. Deshalb messen wir der Präsenz der Frauenkräfte, insbesondere der YPJ, innerhalb der Armee große Bedeutung bei – um die derzeitige Mentalität und Herangehensweise zu durchbrechen, diese zu behindern und zu verhindern. Unsere Erfahrungen der vergangenen 15 Jahre, die wir durchlebt haben, haben gezeigt, dass diese Mentalität verändert werden kann. Wir sind nicht verpflichtet, sie in dieser Form zu akzeptieren.“
Die Verhandlungen zeigen den gefährlichen Trend der Zentralisierung innerhalb des syrischen Staates
Diese Mentalität zeigt sich in den Verhandlungen zwischen der YPJ und der Übergangsregierung, sowohl in der Haltung gegenüber Frauen, also auch gegenüber Kämpferinnen. Vertreter der Übergangsregierung argumentieren, die syrische Armee sei eine reine Männerarmee und das müsse Syrien weit gelten. Eine Frauenarmee oder Frauenbataillone in Nord- und Ostsyrien könnten deshalb nicht existieren, weil die Einheitlichkeit der Armee damit infrage gestellt werde.
Diese Argumentation negiert nicht nur die Erfolge und Fähigkeiten der YPJ, sondern zeigt ebenfalls die gefährliche Tendenz der Zentralisierung innerhalb des syrischen Staates, die sich langsam abzeichnet. Die kulturellen, politischen und sozialen Besonderheiten der Region Nord- und Ostsyrien werden dabei nicht mehr berücksichtigt und dürfen anscheinend zukünftig nicht bestehen. Dass hier die Frauenbewegung in den letzten 13 Jahren ein politisches System der Gleichberechtigung erkämpft hat, die Gesellschaft ein System der Selbstverwaltung von unten aufgebaut hat und hier lebende Bevölkerungsgruppe jeweils ihre eigene Sprache und Kultur haben, wird nach und nach verleugnet. Diese Entwicklung ist deshalb nicht nur für die Frage der Partizipation von Frauen in der Armee gefährlich, sondern auch für das weitere Bestehen der Selbstverwaltung in Nord- und Ostsyrien, die Absicherungen der Errungenschaften der Frauenbewegung und die religiöse und ethnische Vielfalt in ganz Syrien. Bisher wurden Parlament und Regierung nicht demokratisch gewählt, sondern von Al-Jolani bestimmt. Bald soll es zwar Wahlen geben, aber die ethnischen und religiösen Minderheiten zugeteilten Sitze entsprechen nicht ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung. Kurdische und armenische Parteien kritisieren das bereits und kämpfen für mehr Sitze.
Die Integrationsgespräche müssen insgesamt als Fortführung des Januar-Krieges auf politischer Ebene begriffen werden. Während des Kriegs haben die Milizen der Übergangsregierung tausende SDF-Kämpfer:innen und Zivilist:innen verschleppt. In den vergangenen Wochen wurden rund 1000 Gefangene freigelassen, aber mehrere hunderte, wenn nicht sogar tausende Menschen sind noch in Haft. Genaue Zahlen gibt es nicht und die Übergangsregierung behauptet, sie wisse aufgrund der Fraktionierung der eigenen Armee teilweise selbst nicht, wo die Gefangenen seien. Gleichzeitig setzt sie die Gefangenen in den Verhandlungen als Druckmittel ein. Das Ziel der Übergangsregierung: die Delegierten der autonomen Selbstverwaltung von Nord- und Ostsyrien zum Aufgeben zwingen. Doch die YPJ denkt nicht ans Aufgeben.
Nur durch die organisierte Beteiligung von Frauen lässt sich die patriarchale Mentalität bekämpfen
Die Übergangsregierung schlägt vor, die YPJ-Kämpferinnen könnten sich an den inneren Sicherheitskräften Asayîş – vergleichbar mit der Polizei – beteiligen. Dazu sagt Newroz Ahmed, dass das zwei verschiedene Arbeitsfelder seien. Natürlich sollen sich Frauen auch an den Asayîş beteiligen können und tun dies auch schon. Aber auch dort gebe es aktuell große Probleme mit der organisierten Teilnahme von Frauen an den Arbeiten der Asayîş. Eine Partizipation von Frauen alleinig in den Reihen der Asayîş sei aber nicht akzeptabel, so Newroz Ahmed. Die Integration von Frauen in die Armee in Form der YPJ ist daher wichtig, weil damit die Organisierung von Frauen im militärischen Bereich gesichert sei.
Newroz Ahmed zieht Parallelen zu anderen staatlichen Armeen, in denen sich Frauen aktiv, jedoch vereinzelt beteiligen. Die Probleme, denen sich Frauen gegenüber sehen, betreffen sie als Gruppe und nicht als Individuum. Eine Antwort auf und Lösung dieser Probleme müsse daher organisiert erfolgen. Das heißt im speziellen, dass Frauen in eigenen Batallionen oder Gruppen organisiert sind, dass sie eine eigene weibliche Komandantur haben sowie eigene Ansprechpartnerinnen im Verteidigungsministerium. Die Organisierung von Frauen muss auf allen Ebenen umgesetzt werden, damit ihr eigener Wille und ihre eigenen Entscheidungen repräsentiert sind.
Die YPJ zu verteidigen bedeutet, die Rechte der Frauen sowie die ethnische und religiöse Vielfalt in Syrien zu verteidigen
In den Integrationsgesprächen verteidigt die YPJ nicht nur ihr eigenes Weiterbestehen. Es geht darum, die Errungenschaften der Frauenbewegung in Form von Frauenrechten anzuerkennen und in der Verfassung festzuschreiben. Durch die Erfolge der Frauenbewegung in den letzten Jahren ist das nicht mehr nur eine Forderung der Frauen, sondern der Gesellschaft in Nord- und Ostsyrien und auch darüber hinaus. Emîne Osê erklärt: „Dies heute zu ignorieren bedeutet, die Hälfte der Gesellschaft zu ignorieren. Der Ursprung dieser Annäherung liegt nicht nur in der Mentalität, mit der Syrien heute regiert wird. Der Ursprung liegt in einer Mentalität, die Frauen und die Gesellschaft nicht wahrnimmt. Dazu gehört auch ein Zukunftsbild von Syrien mit harter Zentralisierung, das allein von einer männlichen, sexistischen und dschihadistischen Mentalität geprägt ist. Was bedeutet diese Mentalität für Frauen? Abgesehen von dem, was wir sehen, wie zum Beispiel alawitische und drusische Frauen, die als Beute entführt werden. Gleichzeitig erleben kurdische Frauen in Gebieten mit geringer kurdischer Bevölkerung dieselben Verbrechen. Die Gefahren, denen Frauen heute ausgesetzt sind, sind größer als je zuvor. Und mehr denn je ist es notwendig, deutlich zu machen, was diese Verbrechen zeigen: dass die Zukunft Syriens, der Frauen, der Gesellschaft und der Demokratie in akuter Gefahr ist. Die Absicht unserer aktuellen Kampagne muss vor diesem Hintergrund verstanden werden.“
Diese Mentalität wendet sich auch gegen die ethnische und religiöse Vielfalt Syriens. Das hat sich in den vergangenen Monaten – nicht nur im Krieg im Januar – auf blutige Weise gezeigt. In den Monaten nach der Machtübernahme der Übergangsregierung Ende 2024 haben Milizen der syrischen Armee nach und nach alawitische und druzische Zivilist:innen angegriffen und massakriert. Ein Einschreiten der Regierung oder ein nachträgliches Ahnden dieser Taten ist ausgeblieben.
Mit den Angriffe auf die kurdischen Stadtviertel Scheich Maksud und Aschrafija in Aleppo begann der Krieg gegen die Selbstverwaltung im Januar diesen Jahres. Dabei wurden auch arabische Stämme von den Regierungstruppen aufgefordert, sich an den Angriffen zu beteiligen. Einige sind dem nachgekommen. Der Krieg ging mit zahlreichen Kriegsverbrechen gegen die Zivilbevölkerung und gefallene KämpferInnen durch die Regierungstruppen einging. Seitdem wird auf Social Media die Spaltung zwischen den kurdischen und arabischen Teilen der Bevölkerung vorangetrieben. Dort wird sogar zu weiteren Massackern an Kurd:innen, Alawit:innen und Druz:innen aufgerufen. Diese Entwicklungen haben auch Einfluss auf die YPJ: Arabischen Familien wird gedroht, dass ihre Töchter vom Dienst in der YPJ zurücktreten sollen. Trotz dieses Drucks gibt es unter den arabischen Kämpferinnen jedoch eine große Entschlossenheit, sich weiter Seite an Seite zusammen mit ihren kurdischen, armenischen, assyrischen und syriakischen Mitkämpferinnen an den Kämpfen der Teil YPJ zu beteiligen.
Emîne Osê bewertet, dass sich Syrien gerade – durch die Übergangsregierung vorangetrieben – hin zu einer Situation entwickle, die mit der in Afghanistan vergleichbar sei – ein islamistisches System basierend auf Demokratie-, Frauen- und Minderheitenfeindlichkeit. Schon jetzt können Frauenorganisationen in den im Januar von den Regierungstruppen annektierten Gebieten nicht mehr arbeiten. Mitarbeiterinnen beispielsweise von der Frauenorganisation Zenobia müssen sich verstecken, weil sie von Regierungstruppen angefeindet werden. Die Frauen wollen weiterarbeiten, aber die Gefahr ist zu groß. Mitarbeiterinnen von Kongra Star halten zwar Kontakt, aber können aufgrund der Sicherheitslage nicht reisen, um die Frauen in anderen Gebieten zu unterstützen.
Druck auf die Übergangsregierung ist dringend notwendig– sowohl von innen als auch von außen
All das wird aber von der öffentlichen Meinung weltweit sowie von internationalen Staaten ignoriert, die mit der Übergangsregierung zusammenarbeiten. Das Abkommen vom 29. Januar ist zwar unter Mitwirken von Staaten wie Frankreich und den USA zustande gekommen. Sie treten bisher aber nicht als Garanten für die Umsetzung der Vereinbarungen auf. Für den Kampf, den die YPJ und die Frauenbewegung in Nord- und Ostsyrien führt, braucht es Druck auf die Übergangsregierung. Dazu sagt Newroz Ahmed: „Insbesondere im rechtlichen Bereich, im Bereich der Menschenrechte und bei den bestehenden internationalen Institutionen müssen wir diese dazu bewegen, sich zu engagieren – vor allem die Frauen, die in diesen Institutionen tätig sind. Aber natürlich nicht nur Frauen, obwohl die Beteiligung von Frauen das System demokratischer machen wird. Und das bedeutet auch für Männer und für die Gesellschaft als Ganzes eine Garantie dafür, dass wir zu einer demokratischen und gleichberechtigten Gesellschaft werden. … Es ist vielleicht schwierig, einen großen Wandel hin zur Demokratie zu bewirken. Es ist schwierig, alles auf einmal zu ändern, das wissen wir. Aber wir müssen Druck auf sie ausüben, damit sie gezwungen sind, sich zu ändern und zumindest Schritte nach vorne zu machen. Und wir sehen, dass dafür noch ein starker Kampf nötig ist – von unserer Seite und von außen, insbesondere von all diesen verschiedenen Institutionen. Es besteht ein Bedarf an starker Unterstützung und Druck.“
Emîne Osê ergänzt: „Auf diese Weise führen wir derzeit einen Kampf, und ich wiederhole: Der Kampf, den wir führen, gilt nicht nur den kurdischen Frauen. Jeder Schritt, den wir unternehmen, erfolgt in großer Verantwortung – für alle syrischen Frauen, für ein Modell eines zukünftigen Syriens, das die Ansichten, Ideen und den Geist der Frauen widerspiegelt; und damit sich dies in allen Formen und Gesetzen des neuen, zukünftigen Syriens niederschlägt.“

