Nachricht aus Rojava – 27.05.2026

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Liebe Freund:innen,

wir melden uns aus Rojava, dem Herzen der Frauenrevolution.
Rojava ist eine Region in Nord- und Ostsyrien, in der 2012 eine sozialistisch-demokratische Revolution ausgerufen wurde. Die Menschen hier organisieren sich nach dem Gesellschafts- und Verwaltungsmodell des Demokratischen Konföderalismus. Dieses Konzept wurde von Abdullah Öcalan, dem Repräsentanten der Freiheitsbewegung in Kurdistan, entwickelt.
Nach diesem Modell organisieren sich die Menschen basisdemokratisch in Räten, Komitees, Kommunen und Frauenstrukturen. Die Befreiung der Frauen ist nach der Philosophie „Jin, Jiyan, Azadî“ eine zentrale Säule einer demokratischen Gesellschaft.

Eid al-Adha

Ganz Rojava ist in diesen Tagen auf den Beinen und in den Vorbereitungen für das muslimische Opferfest Eid al-Adha (ku. Cejna Qurbanê). Das Fest dauert vier Tage und erinnert an die Bereitschaft des Stammvaters Abraham, einen seiner Söhne zu opfern, um Gott seinen Glauben zu beweisen.

Häuser werden geputzt, Süßigkeiten für die Kinder gekauft, Gebäck vorbereitet und letzte Einkäufe getätigt. Alles wird vorbereitet, um Besuch zu empfangen. Dieses Jahr beginnt der Eid am Abend des 26 Mai.

Der Tag beginnt früh am Morgen mit dem Waschen, dem Anlegen festlicher Kleidung und dem Besuch der Moschee für das gemeinsame Morgengebet. Nach dem Gebet wird das Opfertier (meist ein Schaf, eine Ziege oder ein Rind) geschlachtet. Das Fleisch wird traditionell in drei Teile aufgeteilt: ein Teil für die eigene Familie, einer für Verwandte und Nachbar:innen und ein Teil für Bedürftige. Die restliche Zeit stehen das Beisammensein, die Gemeinschaftlichkeit sowie die Besuche bei Nachbar:innen, Freund:innen und Familien im Vordergrund.

In Rojava besuchen viele Familien am ersten Abend die Gefallenenfriedhöfe, um der Gefallenen zu gedenken. Familien, Freund:innen und die Bevölkerung sitzen an den Gräbern, zünden Kerzen oder Räucherstäbchen an und gedenken gemeinsam der Gefallenen aus dem Kampf gegen den IS.

Die KCK (Koma Civakên Kurdistan, Union der Gemeinschaften Kurdistans) ruft zum Opferfest die gesamte Gesellschaft zu gesellschaftlicher Solidarität, demokratischer Organisierung und der Stärkung der kurdischen Einheit auf.

Die KCK erklärte, das Opferfest erinnere an den Widerstand gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung und müsse deshalb auch in der Gegenwart mit einem Bewusstsein für gesellschaftliche Verantwortung verbunden werden. „Gegen Unterdrückung und Leugnung Haltung zu zeigen, gehört zum historischen Gedächtnis dieses Feiertages.“ Die Erklärung ruft dazu auf, sich gegen gesellschaftliche Spaltung, Diskriminierung und Konflikte zwischen Bevölkerungs- und Glaubensgruppen zu stellen.

Ernennung des syrischen Volksrates (Parlament)

In ganz Rojava protestieren Parteien, Gefallenenfamilienräte, lokale Räte, zivilgesellschaftliche Organisationen sowie politische Gruppen gegen das Vorgehen der syrischen Übergangsregierung bei der Ernennung des neuen syrischen Volksrates, der das neue Parlament darstellen soll.

Der neue Volksrat soll insgesamt aus 210 Mitgliedern bestehen. 70 Sitze werden direkt durch die Übergangsregierung vergeben. Die Wahlen fanden in Wahlkomitees statt, die ebenfalls durch die Ernennung von Personen zusammengesetzt wurden. Damit wurden die Mitglieder des Volksrates nicht demokratisch gewählt. Außerdem war vielen Menschen in der Bevölkerung der Wahlvorgang weder bekannt noch transparent.

In einem Statement von 21 Parteien und Organisationen heißt es:

„Wir haben bereits deutlich gemacht, dass wir uns an diesem Prozess nicht beteiligen werden. Dieses Vorgehen des Wahlmechanismus spiegelt weder den Willen des kurdischen Volkes noch den der Bevölkerungsgruppen der Region wider und bildet keine Grundlage für einen echten demokratischen politischen Prozess.

Ebenso beweist die fortgesetzte Arbeit mit Ausnahmegesetzen und Sonderregelungen dies, allerdings mit neuen Mitteln und Mechanismen, die versuchen, dem politischen Prozess ein scheinbar legitimes Gesicht zu geben, obwohl ihnen die Legitimität und Akzeptanz durch das Volk fehlen.“

Sie kritisieren außerdem die Ernennung von Personen in die Wahlkomitees sowie die Ernennung des Vertreters der Region Serêkaniyê.

Doch das Geschehene hat einmal mehr die Strategie der Ausgrenzung und Marginalisierung offenbart, die durch die selektive Ernennung einiger weniger Personen umgesetzt wurde. Dies widerspricht den grundlegendsten Prinzipien von Demokratie, Gerechtigkeit und echter nationaler Partnerschaft.

In Hesekê zeigen die Ergebnisse dieses Vorgehens, dass christliche Gemeinschaften nicht mehr repräsentiert sind, was sich erheblich auf die politische und demografische Vielfalt der Region auswirkt.

Auch die Partei der armenischen Einheit hat keinen Sitz im Volksrat erhalten. Dies bedeutet eine weitere Schwächung der politischen Repräsentation in Syrien.

Straßenumbenennung in Homs

Die Aktivistin Hanin Khalifa bekräftigte, dass Syrien in seiner langen Geschichte stets als offener Raum für alle Kulturen und Konfessionen bekannt war. Die gegenwärtige Regierung versuche jedoch, eine monolithische und ausgrenzende Vision durchzusetzen, sei es durch Lehrpläne oder durch die Umbenennung von Straßen und öffentlichen Symbolen.

Sie erklärte, die wiederholten Änderungen von Straßennamen und historischen Wahrzeichen seien keine bloßen Verwaltungsentscheidungen, sondern transportierten politische und ideologische Botschaften, die auf die Etablierung eines rigiden religiösen Diskurses abzielten.

Die Umbenennung einer Straße, die den Namen von Sultan Pascha al-Atrash trug – einem der bedeutendsten Anführer der Großen Syrischen Revolution gegen den französischen Kolonialismus –, sei ein Versuch, die Geschichte der Drus:innen auszulöschen, sagt Hanin Khalifa.

„Die vorgeschlagene Verfassung bekräftigt Ausgrenzung und Marginalisierung“, sagte sie, da jedes politische Projekt, das nicht auf nationaler Partnerschaft und Respekt vor Pluralismus beruhe, nicht in der Lage sei, echte Stabilität im Land zu schaffen.

Umbenennung der Schulen wird abgelehnt

Die Übergangsregierung schickte letzte Woche Listen mit neuen Namen für Schulen an das lokale Bildungskomitee in Qamişlo.

Die Schulen in Rojava sind nach Gefallenen benannt, die gegen den IS gekämpft haben, und sollen deren Ehrung und Erinnerung bewahren, indem ihr Mut und ihre Ideen weitergetragen werden.

Die „Şehîd-Diyar“-Schule soll künftig den Namen „Esed El-Dîn Şêrko“ tragen. Für die „Şehîd-Ferhad-Kat“-Schule wurde erneut der frühere Name „Hitin“ vorgeschlagen, der bereits während der Baath-Herrschaft verwendet worden war.

Das Bildungskomitee, die Schüler:innen und die Lehrer:innen lehnen diese Vorschläge vehement ab und haben eine Antwort an Damaskus gesendet.

Vermehrt finden in ganz Nordsyrien Proteste gegen die von der Führung in Damaskus auferlegte Umbenennung von Bildungseinrichtungen statt.

Treffen von 2000 kurdischen und arabischen Frauen in Kobanê

Mitte Mai haben sich in Kobanê 2000 Frauen unter dem Motto „Mit dem Willen freier Frauen werden wir ein demokratisches Syrien aufbauen“ getroffen. Arabische und kurdische Frauen haben einen Tag lang über Fragen der politischen Teilhabe, rechtliche Garantien für ihre Errungenschaften sowie ihre Rolle in der zukünftigen Staatsordnung Syriens beraten.

Teilgenommen haben sowohl Frauen aus der Gesellschaft, Friedensmütter, Mitglieder von Frauenorganisationen, Angehörige von Gefallenen als auch YPJ-Kämpferinnen.

Ein viel diskutiertes Thema war die rechtliche Absicherung der zahlreichen Errungenschaften der Frauenbewegung in Nord- und Ostsyrien in der neuen Verfassung Syriens. Unter anderem forderten die Teilnehmerinnen, die YPJ offiziell als legitime Schutzkraft der Gesellschaft anzuerkennen.

Außerdem machten die Teilnehmerinnen in Gesprächen und Redebeiträgen immer wieder deutlich, wie wichtig die politische Teilhabe von Frauen in allen Entscheidungsstrukturen Syriens ist. „In der neuen syrischen Ordnung dürfen Frauen nicht erneut an den Rand gedrängt werden“, erklärte Ilham Ehmed, die Ko-Außenbeauftragte der Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens.

Das Treffen war auch deshalb sehr wichtig, weil arabische und kurdische Frauen gemeinsam über Perspektiven diskutiert haben. Damit haben sie sich aktiv gegen die von der Übergangsregierung geförderte Spaltung zwischen arabischer und kurdischer Gesellschaft gestellt.

Sechste Rückkehrgruppe bricht nach Afrin auf

In der letzten Woche ist ein weiterer Konvoi vertriebener Familien von Qamişlo und Dêrik aus Richtung Afrin aufgebrochen. Dieses Mal haben sich rund 1000 Familien – viele bereits am Abend zuvor – mit ihrem Hab und Gut am jeweiligen Rand der beiden Städte getroffen, um am frühen Morgen gemeinsam in ihre Heimat aufzubrechen.

Es ist mittlerweile die sechste Rückkehrgruppe, seit die Rückkehr im Waffenstillstandsabkommen vom 29. Januar zwischen der Übergangsregierung und der Selbstverwaltung vereinbart wurde.

Als im März dieses Jahres die erste Gruppe zurückkehrte, gingen emotionale Bilder um die Welt, als vertriebene Familien zum ersten Mal wieder den Boden Afrins betreten konnten.

Die Familien waren 2018 aus Afrin geflohen, als die Türkei gemeinsam mit dschihadistischen Milizen die Stadt und Region besetzt hatte. Die türkische Besatzungsmacht verfolgte seitdem neben einer klassischen Kolonialpolitik auch eine Politik der ethnischen Säuberung. Mehr als 400.000 Menschen wurden aus ihren Dörfern und aus der Stadt Afrin vertrieben.

Seitdem mussten die Familien aufgrund des andauernden Kriegsgeschehens in Nord- und Ostsyrien immer wieder erneut fliehen. Viele haben auf ihrer Flucht in bis zu sechs verschiedenen Städten gelebt, oft in Flüchtlingslagern oder provisorisch in Schulen.

Weitere Konvois sind geplant, denn noch längst nicht alle Vertriebenen konnten bisher zurückkehren. Auch Vertriebene aus Serêkaniyê, das 2019 von der Türkei besetzt wurde, warten auf ihre Rückkehr. Darüber wird weiterhin zwischen der Selbstverwaltung und der Übergangsregierung verhandelt.

Und damit wünschen wir revolutionäre Grüße aus Rojava.

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