Die Aktionen im Zuge der Kampagne „Wir sind alle YPJ! Em hemû YPJ ne!“ für die offizielle Annerkennung und das Fortbestehen der YPJ gehen weiter. In den nächsten Wochen ist in Rojava u.a. die Entwicklung eines Theaterstückes, ein Konzert und eine Ausstellung geplant, um die Forderungen der YPJ mit den Mitteln der Kunst und Kultur nach Außen zu tragen.
Wir haben verschiedene Künstlerinnen an ihren Schaffensorten besucht, sie zur Bedeutung der YPJ befragt und ihre kreativen Prozesse dokumentiert. Im Rahmen der Verhandlungen zwichen der syrischen Übergangsregierung und der Autonomen Selbstverwaltung in Rojava, die eine Integration der Institutionen vorsehen, müssen die Rechte der Frauen und der Gesellschaft verteidigen werden. Bei unserem Gespräch mit Mizgîn Çolaq und Şêrîn Reşîd aus der Leitung der Frauenkulturbewegung Hîlala Zêrîn ist deutlich geworden, wie eng die verschiedenen Fraueninistutionen und die Frauenbewegung miteinander verwoben sind. Şêrîn Reşîd erklärt uns die Bedeutung der aktuelle Kampagne: „Wenn die YPJ nicht anerkannt wird, werden wir alle nicht anerkannt. Die YPJ ist eine essenzielle Kraft, die dafür sorgt, dass die Rechte von Frauen gewahrt werden und wir uns frei entfalten können.“


Mit Theater kollektive Erinnerungenlebendig halten
In Hesekê treffen wir die Regisseurin und Autorin Fatma Ehmed die dort die Theatergruppe Darsî aufgebaut hat. Seit über 6 Jahren arbeitet Fatma mit Mädchen und jungen Frauen. Als es die ersten Überlegungen zum Start einer Kampagne für die YPJ gab, war sie sofort begeistert und hat überlegt, wie sie sich beteiligen kann. Die letzte Produktion der Theatergruppe Darsî beschäftigte sich bereits mit der Situation der kurdischen Frauen und der Rolle der YPJ.
Die Kampagne gibt nun Anlass, ein neues Stück zu kreieren. Geprobt wird im Hîlala Zêrîn Zentrum in Hesekê. Hier haben sich neun junge Spielerinnen zusammengefunden und machen bereits eigenständig ein Warm Up, als wir den großen Theatersaal mit Bühne betreten. Nach einer Begrüßung wird geprobt. Die Geschichte, die erzählt wird, handelt von zwei YPJ-Kämpferinnen, die gemeinsam in einer Stellung außerhalb einer Stadt verharren. In einer Szene, sieht die erfahrenere Kämpferin, wie sich feindliche Daeshkämpfer mit einem Panzer der Stadt und der Stellung nähern. Sie bittet daraufhin ihre Freundin den Ort zu verlassen, um Wasser zu holen. Was nicht auf der Bühne erzählt, aber den Zuschauenden klar wird, ist dass die YPJ-Kämpferin sich selbst aufopfert, um das Leben ihrer Freundin zu retten und den Vormarsch der Djihaidisten auf die Stadt und ihre Einwohner:innen zu verhindern. Das Stück endet mit einem Gedicht über den Mut und die Opferbereitschaft der YPJ-Kämpferinnen und drückt die Dankbarkeit der Bevölkerung gegenüber ihren Töchter, Müttern, Tanten, Schwestern und Freundinnen aus.
Inspiration für die Geschichte habe sie aus einem Fernsehformat gezogen, erzählt Fatma. „Mir ist diese Geschichte einfach nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Deshalb wollte ich ein Theaterstück daraus machen.“ Außerdem erklärt sie „Wir proben gerade den Beginn des Stückes. Es spielt heute. Wir sehen ein Treffen der Kampgane von Kongra Star zur Unterstützung der YPJ. Frauen haben sich versammelt. Dann gibt es ein „Flash Back“ und wir sehen die Erinnerung an den Krieg und an all die Gräultaten, die Frauen angetan wurden. Aber auch ihren Kampf, wie sie Widerstand geleistet haben und sich und die Gesellschaft so schützen konnten.“
Es ist beeindruckend, zu sehen, mit welcher Intensität die Mädchen und jungen Frauen Szenen von Versklavung, Erniedrigung und Tod darstellen. Wenn Fatma nicht zufrieden ist, gibt sie den Spielerinnen Ideen, wie sie ihre Körperhaltung und Mimik noch mehr verändern können, um einen stärkeren Ausdruck zu entwickeln.
An diesem Tag im Hîlala Zêrîn Zentrum in Heseke wird deutlich, welche kollektiven Erinnerungen die Menschen und besonders die Frauen in Rojava in sich tragen. Durch das Erzählen und die Theaterpraxis entsteht die gemeinsame widerständige Kultur der Gesellschaft. Ob jung oder alt, alle teilen das Bewusstsein für die existenziellen Bedrohung der eigene Identität, Gemeinschaft und Geschichte. Für uns Zuschauerinnen werden diese Erfahrungen durch die lebendigen Darstellung selbst eindrücklich spürbar. Der Wille, sich zu wehren und zu schützen, als Mädchen und Frauen zusammen zu kommen und sich zu organiseren, um zu verteidgen, was wir lieben und was Leben schenkt, zeigt sich hier als ein natürlicher Reflex.

Künstlerinnen und Kämpferinnen müssen eins sein
Wenige Tage später begleiten wir Hêvî Mihemed vom Bildungskomitte von Hîlala Zêrin zu einem Fernsehinterview. Im Jîneolojî – Zentrum in Qamishlo trifft sie auf Lana Hisên von der YPJ und die Moderatorin Şêrîn Hesen von Sterk TV. Das Set ist bereits eingerichtet, Kameras und Licht platziert. Alle Teilnehmenden des Fernsehformats „Rojbaş Kurdistan“ treffen die letzten Vorbereitungen, dann geht es los. Es ist eine unaufgeregte und natürliche Stimmung. Die Moderatorin fragt ihre beiden Gäste nach der aktuellen Situation der YPJ und dem Stand der Verhandlungen mit der Übergangsregierung in Damaskus.
Hêvî Mihemed und Lana Hisên sind sich einig, dass sich der Prozess der Intergration der Frauenverteidigungseinheiten in die syrische Armee so schleppend gestaltet, weil die neuen Machthaber ein grundlegend anderes Frauenbild haben. Außerdem wollen sie die Beteiligung der Frauen am gesellschaftlichen Leben generell zurückdrängen . Der Kampf für die Anerkennung der YPJ sei deshalb für alle Frauen, Frauenorganisationen und -institutionen von großer Wichtigkeit.
Hêvî Mihemed erzäht außerdem von ihrem Traum als junges Mädchen, selbst einmal Kämpferin und Künstlerin zu werden. Beides habe sie bisher nicht ganz verwirklichen können. Die frühe Mutterschaft, der andauernde Krieg und der Druck der Gesellschaft haben ihr Steine in den Weg gelegt. Umso mehr freut sie sich jetzt, dass sie im Bildungskomitee von Hîlala Zêrîn arbeiten kann und und im Zuge dieser Arbeit die Kampagne für die YPJ unterstützen kann.Mit diesem Satzt drückt sie aus, wie sehr Kunst, Ästhetik, Ethik, Widerstand, Kampf und Selbstverteidigung miteinander verbunden sind. Die Frauenarmee YPJ selbst wird damit zu einem Kunstwerk, dass unter großen Opfern und mit viel Mühe von den kämpfenden Frauen Rojavas geschaffen wurde. Sie bringt eine eigene Schönheit hervor, in dem sie ein freies Lebens für Frauen möglich macht und starke Frauenpersönlichkeiten fördert. Hevî deren Name „Hoffnung“ bedeutet, ist an diesem Morgen deutlich anzumerken, wie sehr für sie Kunst und Kampf eine Einheit bilden.
Lana Hisên von der YPJ unterstreicht die Rolle der YPJ in der Verteidigung der Rechte der Kurd:innen und der Frauen. Man schaue auf eine lange Geschichte der Unterdrückung und der Angriffe, die bis zm heutigen Tage nicht aufgehört haben.“ Es brauch einen Selbstverteidigungsmechanismus, damit auch andere Institutionen aufgebaut werden können.“ Damit macht sie deutlich, dass die YPJ eine Organiserung von Frauen ist, die schützt und deren Existenz gleichzeitig Räume öffnet, in der neue Ideen, Projekte und Institutionen geschaffen werden können. Die YPJ hat eine zentrale Rolle die Kreativität der Gesellschaft zu fördern und ihre Schönheit zu bewahren. Dabei werden neue Wege bei der Suche nach Antworten auf gesellschaftliche Probleme bestritten, denen das Prinziep von Äthetik und Ethik zugrunde liegen. Die Frauenarmee ist ein unverzichtbarer Teil eines vielfältigen und demokratischen Zusammenlebens.
Schaut euch hier das gesammte Gespräch mit Hêvî Mihemed vom Bildungskomitte von Hîlala Zêrin und Lana Hisên von der YPJ auf Kurdisch an:

