Erste Konferenz der Filmschaffenden Rojavas
Letztes Wochenende, vom 24.-26. Juli 2026, fand in Qamişlo die erste Konferenz der Filmschaffenden Rojavas mit dem Slogan „Auf dem Weg zu einem neuen Kino“ statt. Mehr als 100 Film- und Mendienschaffende versammelten sich 3 Tage lang, um Erfahrungen und Perspektiven auszutauschen. Der ersten Tag startete mit einer breiten Diskussion über die Bedeutung des Kinos und grundlegende Prinzipien der Filmproduktion, über die Ziele der Filmschaffenden und vertretenen Filminstitutionen, über ihre Beziehung zur Gesellschaft, über das Kurdische Kino und über die Frauenfrage im Kino. Anschließend wurde bewertet, welche Möglichkeiten der Ausbildung für Filmschaffende in den letzten Jahren entwickelt werden konnten. Hier wurde besonders die Bedeutung der neugegründeten Hoschulen für Schöne Künste in Dêrik und der Hîlala Zêrîn Frauenkunsthochschule in Heseke betont. Außerdem wurde diskutiert welche Strukturen im Bereich der Produktion und Postproduktion aufgebaut wurden und welche Probleme in diesem Bereich zukünftig gelöst werden müssen. Zuletzt war Thema, wie die produzierten Filme einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht werden können. Hier wurde das Problem fehlender Kinosäle mit zuverlässiger Stromversorgung und Technikausstattung in Rojava besprochen. Die Anwesenden waren sich einige, dass das nun wieder jährlich stattfindene Internationale Filmfestival Rojava eine wichtige Möglichkeit ist Filme zu zeigen und die Kinokultur in Rojava zu stärken.


Durch die Revolution wurden neue Möglichkeiten geschaffen
Nadya Derwiş ist Regisseurin und Teil der Filmkommune Rojava. Sie erzählt von den Filmarbeiten in Rojava und der Bedeutung der Konferenz: “Diese professionelle Filmarbeit ist für Rojava neu. Früher gab es nicht die Möglichkeiten das jemand sagt: “Komm wir machen einen Film für das Kino!” Als Kurden Rojavas haben wir das Kino spät kennen gelernt. Es gibt viele wichtige Ereignisse in unserer Geschichte, viele Volksaufstände, die nicht dokumentiert wurden. Durch die Revolution hat sich das verändert, jetzt gibt es Möglichkeiten. Wir haben aber das Problem, dass es an Menschen mit Erfahrungen fehlt. Es gibt Menschen, die ihre Heimat verlassen haben und in den arabischen Staaten oder in Europa Filme machen. Aber sie bringen ihre kurdische Kultur nicht ein. Ihre Wurzeln sind nicht mehr erkennbar, sie haben die Farbe der arabischen Syrer:innen oder der Europäer:innen angenommen. Wir wollen das Kurdische Kino stark machen und haben durch unseren Befreiungskampf Bedingungen geschaffen, die es so in den anderen Teilen Kurdistans nicht gibt.“

Nadya bewertet, dass in Rojava seit beginn der Revolution wichtige Erfahrungen im Bereich des Filmemachens gesammelt wurden. Gleichzeitig stellt sie selbstkritisch fest, dass noch mehr und bessere Filme hätten gemacht werden können. Sie hofft, dass nach der Konferenz eine Vereinigung von kurdischen Filmschaffenden aufgebaut wird. „Wir brauchen so etwas, um unsere Rechte einzufordern und in Zukunft noch erfolgreicher unsere Arbeiten zu organisieren.”
Ein Fundament wurde gelegt, nächste Schritte müssen folgen
Am zweiten Tag war die zentrale Frage zunächst welche Institutionen, Organisationen und Unternehmen bereits aufgebaut wurden, wie sie arbeiten und welche weiteren aufgebaut werden müssen, um die Filmarbeiten zu stärken. Außerdem wurde diskutiert welche Lehrstellen es im Bereich der Rechte von Filmschaffenden und besonders Schauspieler:innen gibt und wie diesen begegnet werden kann. Es entstand eine lebhafte Diskussion in der die unterschiedlichen Möglichkeiten der Organisationsformen von Kommune, Rat, Syndikat und Vereinigung diskutiert wurden.
Der zweite Teil des Tages widmete sich dem Thema der Beziehungen mit anderen Filmschaffenden und Institutionen innerhalb Syriens, Kurdistans und weltweit. Hier wurde die Schwierigkeit benannt als kurdische Filmschaffende aus den verschiedenen Teilen Kurdistans auf Grund von Krieg und Kolonisierung, der Teilung Kurdistans und staatlicher Grenzen nicht zusammen kommen und arbeiten zu können. Außerdem wurden Erfahrungen geteilt, dass Filmschaffenden aus dem Ausland, oft Geschichten mit einer orientalistsichen Perspektive erzählen. Es brauche mehr Kooperationen mit sozialistischen und demokratischen Künstler:innen, die von der Rojava Revolution lernen wollen und an einer langristigen Zusammenarbeit auf Augenhöhe interessiert seien. Schließlich wurde die Notwendigkeit betohnt in den aktuellen Veränderungen innerhalb Syriens und dem andauernden Intergrationsprozess gemeinsam die Interessen aller kurdischer Filmschaffender mit einer geeinten Stimme zu vertreten.
Filmemacherinnen kämpfen gegen Sexismus und wollen ihre eigenen Geschichten erzählen
Frauen in Rojava haben sich durch die Revolution viele neue Möglichkeiten errungen, gleichzeitig sehen sie sich aber in allen Lebensbereichen nach wie vor mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Şerda Osman ist Kamerafrau und leitet die Frauenfilmistitution Sîne Jin. Sie beschreibt die Situation von Filmemacherinnen: “Wir haben Schwächen was unser Wissen und unsere Erfahrungen angeht. Mit unserer Institution, Sîne Jin, haben wir das erste Mal in der Geschichte Rojavas einen Ort geschaffen, an dem Filmemacherinnen zusammen kommen können, um sich zu bilden und zu arbeiten. Das ist eine ganz neue Erfahrung. Leider gibt es in unserer Gesellschaft nach wie vor viele Schwierigkeiten für Frauen und diese haben einen großen Einfluss auf alle Filmschaffende und auf unsere Arbeiten.“

Sie erzählt von einer Mitarbeiterin in deren Familie es immer wieder zu Streit zwischen ihrem Vater und ihrer Mutter kommt. „Der Vater schlägt die Mutter. In einer solchen Situation kann unsere Mitarbeiterin nicht ihr Zuhause verlassen, weil sie sich um ihre Mutter kümmern muss. Sie erlebt immer wieder die Angst, dass ihr Vater ihre Mutter schlägt oder sogar tötet.“ In der Familie einer anderen Mitarbeiterin gibt es immer wieder viele Erkrankte. Es gebe die Erwartungen an ihre Kollegin, dass sie als Tochter ihre Arbeit aufgibt, zu Hause bleibt und sich um den Haushalt kümmert. In einer anderen Familie, gebe es wiederum die Erwartung ein höheres Gehalt zu bekommen. Eine ihrer Mitarbeiterinnen, die das Filmemachen sehr liebt, habe deshalb Sîne Jin verlassen, um eine andere Arbeit anzunehmen, die besser bezahlt wird.
“Wir sehen uns tagtäglich damit konfrontiert, wie der Sexismus in der Gesellschaft uns angreift. Weil Frauen als weniger klug und begabt angesehen werden, wird uns weniger zugetraut und wir bekommen weniger Möglichkeiten unsere Ideen umzusetzen. Wir als Sîne Jin wollen die Realität der Frauen bekannt machen. Nicht so, wie man uns haben will, sondern so wie wir uns selber sehen. Wir kämpfen dafür und strengen uns sehr an, dass wir Szenarien schreiben, die die Geschichten von Frauen und ihre Anliegen behandeln.”
Wichtige Entscheidungen für Filmschaffende in Zeiten politischer Umbrüche
Am letzten Tag wurden die Ergebnisse der Diskussion zusammen gefasst und weitere Schritte beschlossen. Es wird eine Vereinigung der Filmaschaffenden Rojavas aufgebaut, um die Interessen der Filmschaffenden zu vertreten und ihre Rechte zu sichern.
Şerda Osman macht deutlich welche Bedeutung die Konferenz und eine Vereinigung von Filmschaffende in den aktuellen politischen Dynamiken Syriens und Kurdistans für sie als Filmemacherin hat: „Nach dem Sturz von Assad hat sich eine neue Regierung geformt. Aber diese erkennt werder die Rechte, noch die Identität, noch die Selbstbestimmung von Frauen an. Das hat einen großen Einfluss auf uns als Frauen, auf unsere Gesellschaft und auf uns als Filmschaffende. Es ist für uns sehr wichtig an dieser Konferenz teilzunehmen. Durch eine Vereinigung der Demokratischen Filmschaffenden Rojavas können wir gemeinsam die Rechte von filmschaffenden Frauen verteidigen.”


Die Filmschaffenden Rojavas betonen zum Abschluss ihrer Konferenz, dass sie Kino nicht nur als Kunst verstehen, sondern als wichtiges Werkzeug um die kurdische Geschichte, Identität und Kultur zu schützen. Durch gemeinsame Bildung und Produktionen sollen in Zukunft noch mehr und bessere Filme geschaffen und eine stärkere Präsenz in der internationalen Filmlandschaft eingenommen werden. Außerdem soll die Zusammenarbeit mit Filmschaffenden aus allen Teilen Kurdistans und der Diaspora gestärkt werden. Es wurde entschieden, dass ein 5-köpfiges Kommitee für die Umsetzung der Konferenzergebnisse Verantwortung übernimmt. In diesem Gremium werden die Filmschaffenden Diyar Heso, Reşîd Mihemed und Sevînaz Evdikê ihren Platz einnehmen.
Ein wahrhaftiges und kunstvolles Kino mit starken Frauen
Nadya Derwiş teilt ihren Wunsch zukünftig noch mehr Dokmentarfilme zu machen: “Ich bin durch diese Revolution Regisseurin geworden. Mit Mühen, Geduld und Leidenschaft mache ich die Filmarbeiten. Mein Traum ist es, dass wir noch mehr Filme produzieren. Film ist eine starke Waffe. Wir sollten Filme über Widerstand, Liebe und historische Themen machen. Sei es der Kampf um Kobanê, die Befreiung von Raqqa oder der Widerstand am Tishreen-Staudamm, wir müssen diese kollektiven Erfahrungen dokumentieren. Es gibt vieles, was ich erlebt und gesehen habe, was ich mit anderne teilen möchte: die Geschichten von alle den Menschen, die vertrieben wurden und mehrmals flüchten mussten, die Geschichten von den Gefallenen der Revolution oder wie junge Menschen aus Bakur und Bashur ganz alleine hierher zu uns gekommen sind, um sich dem Widerstand anzuschließen. Wenn wir diese Geschichte nicht erzählen, wird sie niemand erzählen und sie werden in Vergessenheit geraten.”
Auch Şerda Osman teilt ihre Perspektive für die Zukunft: „Ich habe mich entschieden, mein ganzes Leben den Filmarbeiten zu widmen. Damit wir uns als Frauen weiter entwickeln und eine Kunst der freien Frauen aufbauen. Ich möchte mit unseren Filmarbeiten dazu beitragen Lösungen für die Probleme der Gesellschaft und der Frauen zu finden. Wir als Frauen haben eine Existenz und eine Wahrheit. Und als Frauen werden wir auch in Zukunft Filme machen.”
Die Konferenz hat einen Raum geschaffen in dem Reflexionen und Kritiken geäußert und wichtige weitere organisatorische Schritte beschlossen werden konnten. In der Abschlusserklärung der Konferenz heißt es: “Die Grundprinzipien, auf denen das Kino Rojavas beruht, sind, dass unser Kino ein freies und modernes Kino ist. Ein Kino, das im Einklang mit den Werten der freien Frauen steht. Ein Kino, das den Ursprung seiner Gesellschaft kennt und deren Selbst-sein zur Grundlage macht. Ein Kino, das die Werte der Demokratie, die Vielfältigkeit und unterschiedliche Kulturen schützt und fördert. Ein Kino, das wahrhaftig, ehrlich und kunstvoll ist.“

